Kommentar
29. November 2021

Omikron-Verunsicherung scheint übertrieben

Die neue, erstmals in Südafrika beobachtete Virusmutation Omikron hat die Finanzmärkte Ende vergangener Woche massiv unter Druck gebracht. An den globalen Aktienmärkten ging es um 4% bis 5% nach unten, der Ölpreis brach um mehr als 10% ein und die Rendite 10-jähriger Bundesanleihen sackte um 9 Bp auf -0,34% ab. Ausschlaggebend ist die Befürchtung, die neue Virusvariante könnte noch infektiöser sein und zugleich die Wirksamkeit der Impfstoffe reduzieren, was wahrscheinlich eine höhere Zahl schwerer Krankheits-verläufe zur Folge hätte. 

Ob dem so ist, lässt sich mit Gewissheit wohl erst in einigen Wochen beantworten. Erste Berichte aus Südafrika geben allerdings Grund zu vorsichtiger Zuversicht. Demzufolge entwickeln Erkrankte vorwiegend milde Symptome, die ohne stationären Aufenthalt behandelt werden können. Zudem scheinen die bis dato bekannten Fälle in erster Linie Ungeimpfte und Genesene zu betreffen.

Es ist davon auszugehen, dass die weltweite Ausbreitung von Omikron nicht mehr zu verhindern ist, höchstens verzögert werden kann. Sowohl BioNTech/Pfizer als auch Moderna haben jedoch bereits angekündigt, einen an die neue Virusvariante angepassten Impfstoff im Lauf des ersten Quartals 2022 in grösseren Mengen produzieren zu können, falls dies nötig ist. Darüber hinaus scheint es plausibel, dass die vorhandenen Impfstoffe zumindest einen gewissen Schutz auch gegenüber Omikron bieten.

Zum jetzigen Zeitpunkt gehen wir daher davon aus, dass die Konjunktur in der Eurozone im Winter im ungünstigsten Fall noch stärker belastet wird, als wir dies ohnehin bereits unterstellen. Da die neue Mutation jedoch vermutlich keinen Game Changer in der Pandemie darstellt, sehen wir unsere Annahme einer merklichen konjunkturellen Belebung im nächsten Jahr derzeit nicht in Gefahr. Daher bleiben auch unsere Argumente hinsichtlich des prognostizierten, nur zähen Rückgangs der Inflationsrate aufrecht. 

Der gegenwärtige, durch die Angebotsengpässe ausgelöste Preisdruck würde bei länger andauernden und schärferen Massnahmen, wie der Einschränkung des internationalen Warenverkehrs sogar noch zunehmen. Zugleich würde sich ab dem Frühjahr ein noch grösserer Nachfrageschub entladen als ohnehin zu erwarten ist. 

Der voraussichtliche Anstieg der Verbraucherpreisinflation in der Eurozone auf 4,5% im November (Veröffentlichung am 30. November) wäre damit zwar das zyklische Inflationshoch, jedoch noch lange nicht das Ende stark erhöhter Teuerungsraten. Im Vorjahresvergleich werden die Verbraucherpreise bis Mitte 2022 bei rund 3,0%liegen. Bis Ende des nächsten Jahres könnten dann zwar Werte um 2,0% erreicht werden, das wäre jedoch in erster Linie die Folge eines nachlassenden Preisdrucks bei den Energiepreisen – der unterliegende Preisauftrieb sollte dagegen weiter zunehmen. Es spricht daher vieles dafür, dass die Inflationsrate der Eurozone auch 2023 über 2,0% liegt.

Omikron hat mithin das Potenzial, die Konjunkturerholung zu verzögern, nicht aber zu stoppen. Demgegenüber erhöht Omikron die Inflationsgefahren für 2022 und 2023 eher, als dass es sie reduziert.

Die Rahmenbedingungen für die EZB bleiben damit 2022 im Grossen und Ganzen unverändert. Eine Reduktion des geldpolitischen Stimulus bleibt das wahrscheinlichste Szenario. 

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