Kommentar
1. November 2021

Notenbanken stehen unter wachsendem Druck

Die Notenbanken sind zu Getriebenen geworden – der Märkte und der Inflationsentwicklung. Das Mantra der Währungshüter, wonach der aktuelle Teuerungsschub nur temporär sei, verliert immer stärker an Glaubwürdigkeit. Dazu tragen nicht nur die anhaltenden Berichte über Lieferengpässe und die Rohstoffhausse bei. Es sind vielmehr die Inflationszahlen selbst, die seit Monaten nach oben überschiessen. In der Eurozone schnellte die Teuerungsrate im Oktober erstmals seit 2008 wieder über 4,0%. Die deutschen Importpreise wiesen wiederum im September den höchsten Vorjahresanstieg seit 40 Jahren auf (knapp 18%). Aber auch in vielen anderen wichtigen Ländern hat die Inflation mehrjährige Höchststände markiert. 

Die Investoren an den Finanzmärkten gehen daher mittlerweile davon aus, dass die geldpolitische Trendwende schneller und aggressiver erfolgt als bislang gedacht. Mithin haben die globalen Leitzinserwartungen in den vergangenen Tagen einen mächtigen Satz nach oben gemacht. Den Vogel in dieser Hinsicht hat der neuseeländische Geldterminmarkt abgeschossen. Hier sind mittlerweile bis Ende 2022 Leitzinserhöhungen von über 200 Bp eingepreist. In Grossbritannien wird immerhin eine Anhebung der Base Rate um mehr als 100 Bp erwartet. Aber selbst in der Eurozone, deren Währungshüter bislang Leitzinserhöhungen ins Reich der Märchenwelt verwiesen haben, ist für Dezember 2022 eine Anhebung der Depositenrate um 20 bis 30 Bp eskomptiert. 

Im Unterschied zur EZB haben andere Zentralbanken den jüngsten Spekulationen durchaus Vorschub geleistet. So hat etwa die Bank of Canada am vergangenen Mittwoch nicht nur das Ende des QE-Programms, sondern gleichzeitig auch frühere Leitzinserhöhungen angekündigt. In der laufenden Woche wird daneben die Fed den Startschuss für ein zügiges Tapering geben und damit das Tor zu monetären Straffungen 2022 weit aufstossen. Die Investoren spekulieren überdies darauf, dass die Bank of England noch in diesem Jahr mit dem Lift-off beginnt und die Reserve Bank of Australia ihre Zinskurvensteuerung aufgibt – beide Notenbanken tagen in dieser Woche. 

An den Staatsanleihenmärkten hat die Niveauverschiebung bei den Leitzinserwartungen markante Spuren hinterlassen. Negativ betroffen waren primär kurze Laufzeiten. Die Renditen 2-jähriger Bundesanleihen überwanden erstmals seit 15 Monaten die -0,60%-Marke. Am ultralangen Ende der Kurve trat jedoch sogar eine gegenläufige Entwicklung ein. Hier sanken die Renditen. Die Märkte sind inzwischen der Meinung, dass den Notenbanken angesichts der Inflationsrisiken nichts anderes übrigbleibt, als die Geldpolitik so aggressiv zu straffen, dass dies zulasten des künftigen Wachstums geht. 

Wir sind schon lange der Auffassung, dass es sich bei dem aktuellen Teuerungsschub nicht nur um ein temporäres Phänomen handelt. Die Inflationsraten werden sich auch im nächsten Jahr auf relativ hohem Niveau bewegen. Das Lift-off bei den Leitzinsen wird daher früher notwendig sein, als es nach wie vor viele Währungshüter wahrhaben wollen. Dennoch sind die Märkte mit den kurzfristigen Leitzinserwartungen wohl über das Ziel hinausgeschossen. Hier dürfte es in den nächsten Wochen nochmals zu Rücksetzern kommen. Was die langfristigen Leitzinserwartungen anbetrifft, fallen die Markterwartungen aber immer noch moderat aus. Am langen Ende der Kurve besteht daher weiterhin Luft nach oben. Mithin sollten die Renditen 10-jähriger Staatsanleihen ihre Aufwärtstrends fortsetzen. Wie in den vergangenen Monaten gesehen ist dies aber keine Einbahnstrasse. Mit aktivem Durationsmanagement und der Beimischung von Linkern ergeben sich daher nach wie vor Ertragschancen an den Anleihenmärkten.  
 

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