Kommentar
16. August 2021

Kein Grund für Entwarnung in Sachen Inflation

Der Rückgang der Kerninflationsrate des US-Verbraucherpreisindex von 4,5% auf 4,3% im Juli wurde von zahlreichen Marktteilnehmern und Kommentatoren bereits als Beleg dafür gesehen, dass in Sachen Teuerungsschub nun das Schlimmste vorbei ist und die Inflationsgefahren abnehmen.

Diese Sichtweise ist unserer Meinung nach stark verkürzt und geht am eigentlichen Thema vorbei. Niemand glaubt ernsthaft, dass sich die Kerninflation in den USA bei 4% oder gar 5% festsetzt. Es war immer klar, dass es sich beim Anstieg auf derart hohe Werte um ein temporäres Phänomen handelt.

Entscheidend ist die Frage, ob der unterliegende Preisdruck nun wieder so stark nachlässt, dass die Kerninflationsrate rasch unter das Inflationsziel der Fed sinkt oder ob sie sich über dem von der Notenbank gewünschten Niveau etabliert. Wegen der diversen Verzerrungen infolge der Pandemie ist eine Beurteilung derzeit besonders schwierig.

Unserer Einschätzung nach sprechen jedoch zahlreiche Gründe für einen nachhaltigen Teuerungsschub. Die beiden wichtigsten sind der sich weiter aufbauende Kostendruck auf Erzeugerebene sowie die sich bereits abzeichnenden höheren Lohnsteigerungen. So legten beispielsweise die US-Erzeugerpreise ohne Energie und Nahrungsmittel im Juli so stark zu wie zuletzt in den Jahren 2008 und 1989. Zugleich planen so viele mittelständische Unternehmen wie seit 1989 nicht mehr, ihren Mitarbeitern höhere Löhne zu zahlen.

In der Eurozone zeichnet sich eine ähnliche Entwicklung ab wie in den USA. Der eigentliche Inflationsschub steht hier aber noch aus: Im Herbst wird die Inflationsrate auf bis zu 3,5% klettern, die Kernrate auf 2,5%. Zwar ist auch hier klar, dass die Teuerungsrate zu Beginn des nächsten Jahres wieder spürbar sinken wird. Wir bezweifeln jedoch stark, dass der Rückgang so markant ausfallen wird, wie von der EZB erwartet. Stattdessen dürfte die Inflationsrate nach 2021 auch 2022 im Jahresdurchschnitt bei über 2% liegen. Denn auch hier nimmt der Druck auf den vorgelagerten Preisstufen weiter zu, wie die jüngsten Erzeugerpreiszahlen für die Eurozone bzw. die deutschen Grosshandelspreise zeigen. Erstere sind im Juni im Vorjahresvergleich mit 10,2% so stark gestiegen wie nie zuvor, Letztere im Juli mit 11,3% so stark wie seit 1974 nicht mehr.

Wie in den USA sollte auch in der Eurozone das Argument des fehlenden Lohndrucks bald an Überzeugungskraft verlieren. Die rasch sinkende Arbeitslosenquote und der Wunsch der Arbeitnehmer nach einem Ausgleich für den während der Pandemie erlittenen Reallohnverlust dürften sich im nächsten Jahr in höheren Lohnabschlüssen niederschlagen. Darüber hinaus bleibt der zuletzt spürbar forcierte Klimaschutz ein Preistreiber.

Es spricht somit vieles dafür, dass sich die Verbraucherpreisinflation nach dem Schub im aktuellen Jahr als hartnäckiger herausstellen wird als derzeit von vielen Beobachtern inklusive Fed und EZB unterstellt. Beide Notenbanken – die Fed früher als die EZB – werden daher in den nächsten Quartalen nicht umhinkommen, ihre Geldpolitik weniger expansiv zu gestalten. Konkret bedeutet das zunächst eine Reduzierung der Anleihenkäufe. An den Finanzmärkten ahnt man dergleichen zwar bereits, erst die konkrete Ankündigung des Taperings dürfte allerdings den ein oder anderen wachrütteln. Die absehbare geringere Liquiditätszufuhr wird sowohl an den Anleihen- als auch an den Aktienmärkten für wachsenden Gegenwind sorgen.

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