Kommentar
14. Dezember 2020
Jahresendrallye: Ja oder Nein?

Vor dem Jahresende sind dem Investor noch einige Knüppel zwischen die Beine geworfen worden: ein harter Lockdown in Deutschland, ein mögliches Scheitern der Brexit-Verhandlungen und die anhaltende Hängepartie um das US-Fiskalpaket. Alles drei zusammen sorgt für erhebliche Verunsicherung an den Finanzmärkten und lässt an der Jahresendrallye zweifeln. Sind die Ereignisse jedoch tatsächlich so gravierend?

In den Brexit-Verhandlungen stehen die EU und Grossbritannien wieder einmal am Abgrund – ein No-Deal wird inzwischen als das wahrscheinlichste Szenario angesehen. Letztendlich dürfte es aber gar keinen starken Unterschied machen, ob der Austritt mit oder ohne Abkommen vollzogen wird. So oder so entsteht eine neue harte Grenze und damit fallen Zollformalitäten an. Die ungewohnten bürokratischen Vorschriften müssen auf beiden Seiten erst noch eingeübt werden. Verzögerungen und lange Lkw-Staus in Dover bzw. Calais sind daher zu Jahresbeginn vorprogrammiert.  

Ohne den Abschluss eines Abkommens würden allerdings Zölle erhoben (nach WTO-Regeln). Da Grossbritannien mehr Handel mit der EU treibt als umgekehrt (im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung), sind die Folgen für das Vereinigte Königreich schwerwiegender. Bei Lebensmitteln und Medizinprodukten wird mit Lieferengpässen und steigenden Preisen gerechnet. Derweil bangt die britische Autoindustrie um die pünktliche Versorgung mit Vorprodukten. Man kann es drehen und wenden wie man will, ein No-Deal-Brexit ist vor allem für Grossbritannien ein Nachteil – für das restliche Europa sollte es zu verschmerzen sein und stellt keinen Game Changer dar.

In den Verhandlungen zwischen den Demokraten und den Republikanern in den USA über ein neues Fiskalpaket wurde der gordische Knoten ebenfalls noch nicht durchschlagen. Grundsätzlich sind sich beide Seiten einig, dass es weitere Hilfen geben muss. Ein Streitpunkt ist unter anderen, ob die Bundesstaaten nochmals Zuschüsse erhalten sollen. Den Demokraten ist dies ein starkes Anliegen, den Republikaner hingegen nicht. Inzwischen zeichnet sich ein neuer Vorschlag ab, der eine Aufspaltung des Fiskalpakets vorsieht. Wenn nicht in dieser Woche, sollte es spätestens zu Jahresbeginn – nach Amtsantritt der neuen Regierung – zu einer Übereinkunft kommen. Aufgeschoben ist hier auf keinen Fall aufgehoben.

Die hartnäckig hohen Neuinfektionszahlen in den USA und Europa stellen eine weitere Belastungsprobe dar. Deutschland geht daher noch vor Weihnachten in den harten Lockdown, was dem Dienstleistungssektor einen zusätzlichen Schlag versetzt. Allerdings hat der Staat zum einen den betroffen Branchen Unterstützung zugesagt. Zum anderen war bereits zuvor klar, dass es über die Wintermonate zu keiner Normalisierung des Alltags kommen würde. Am Verlauf der wirtschaftlichen Entwicklung ändert sich demzufolge durch die neuen Beschlüsse nichts. Schon zuvor ruhten die Hoffnungen primär auf einer Wiederbelebung im Frühjahr/Sommer.  

Insgesamt dürfte das unheilvolle Trio an Störfaktoren nur einen vorübergehenden Dämpfer in der Wirtschaft und an den Finanzmärkten auslösen. Entscheidend bleibt, ob die Pandemie bis zum Sommer spürbar abebbt. Dies hängt wiederum von der erfolgreichen Durchführung des Impfmarathons ab. Der Prozess muss zu Jahresbeginn genau beobachtet werden. Derzeit besteht aber kein Grund, um in dieser Hinsicht schwarzzumalen. Dies gilt umso mehr, als der Staat weiterhin ein finanzielles Sicherheitsnetz ausbreiten wird. 

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