Kommentar
16. November 2020
Immer mehr Silberstreifen am Horizont

Der Investor ist derzeit mit einer schwierigen Entscheidung konfrontiert: Soll er die kurzfristigen Risiken oder die langfristigen Chancen höher gewichten? Das aktuelle Pandemiegeschehen gibt weiterhin Anlass zur Sorge. Trotz zum Teil drastischer Massnahmen haben sich die Neuinfektionszahlen in Europa in den vergangenen Tagen bestenfalls auf hohem Niveau stabilisiert. Derweil nehmen die Krankenhauseinweisungen weiter zu. In immer mehr Regionen arbeiten die Intensivstationen am Anschlag. Österreich zieht daher die Notbremse und verhängt ab Dienstag über das ganze Land einen harten Lockdown, der Schulschliessungen und Ausgangssperren beinhaltet.

Den USA, die der europäischen Entwicklung um einige Wochen hinterherhinken, dürfte das Schlimmste erst noch bevorstehen. Die Neuinfektionszahlen befinden sich hier unverändert im exponentiellen Anstieg. Den Bundesstaaten bleibt daher nichts anderes übrig, als Einschränkungen zu verhängen. New Mexico und Oregon haben als erste mit einem umfassenden Lockdown reagiert. Die bis zuletzt dynamische zyklische Erholung in den USA wird daher um die Jahreswende merklich ins Stocken geraten. 

Von konjunktureller Seite geht somit für die Finanzmärkte in den nächsten Wochen Gegenwind aus. Die Enttäuschungen werden zunehmen und die »Economic Surprise Indices« sinken. Letzteres ist normalerweise ein Vorbote für fallende Aktienkurse und Renditen. Dieses Mal könnte es jedoch anders kommen, denn erste Silberstreife am Horizont sind erkennbar. 

Ein Schlüssel zur Lösung der Pandemiekrise sind Impfstoffe. Am Beginn der Corona-Krise mangelte es in dieser Hinsicht nicht an Mahnungen: Die Entwicklung solcher Vakzine dauere Jahre und führe oft nicht zum Erfolg. In Anbetracht dessen wirkte die jüngste Pressemitteilung von Pfizer/BioNTech wie ein Befreiungsschlag. Noch ist die Meldung sehr dürftig. Dennoch schürt sie die Hoffnung, dass Impfstoffe bald verfügbar und sehr wirksam sein werden. Damit könnten im 1. Halbjahr 2021 Risikogruppen sowie Pflegepersonal und bis Ende 2021 weite Teile der Weltbevölkerung geimpft werden. 

Ob sich diese Erfolgsgeschichte bewahrheitet, werden die nächsten Wochen zeigen. Das Chance-/Risiko-Profil scheint aber vielversprechend. So wird damit gerechnet, dass demnächst der US-Konzern Moderna nachzieht und ähnliche Ergebnisse wie Pfizer/BioNTech verkündet. Jede dieser Meldungen wird das Risk-on-Sentiment beflügeln. Sobald sich die Vermutung erhärtet, dass ab dem Frühjahr kräftig geimpft wird, dürfte es den Kapitalmärkten immer leichter fallen, über die kurzfristigen Schwierigkeiten hinwegzusehen. 

Mit dem Zurückdrängen des Pandemiegeschehens wäre nicht nur der Weg für eine gewöhnliche zyklische Erholung geebnet, vielmehr zeichnet sich dann ein besonders kräftiger globaler Aufschwung ab. Allen voran sollten sich Nachholeffekte entladen. Die Bevölkerung wird nach bestimmten Dienstleistungen geradezu dürsten – und das Geld dafür ist vorhanden. Die Sparquoten sind weltweit in die Höhe geschnellt. Gleichzeitig wird die Wirtschaftspolitik vorerst expansiv ausgerichtet bleiben. In Anbetracht dessen könnten die Unternehmensgewinne bereits 2021 wieder an die Niveaus von 2019 anknüpfen und 2022 höchstwahrscheinlich darüber hinausschiessen. 

Wer sich als Investor bereits jetzt offensiv ausrichtet, ist zweifellos früh dran. Kurssprünge nach oben und unten werden sich in den nächsten Wochen abwechseln und Rückschläge bei der Pandemiebekämpfung sind vorprogrammiert. Dennoch gehen wir davon aus, dass sich das Risk-on-Sentiment immer mehr durchsetzt und Risikoassets ihren Aufwärtstrend fortsetzen. 

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