Kommentar
28. März 2022

Hohe Energiepreise werden Konjunktur in der Eurozone nicht abwürgen

Kurz nach Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine ist es an den Märkten zu einer Energiepreisexplosion bisher ungekannten Ausmasses gekommen: In der Eurozone hatte sich der Preis für Gas zwischenzeitlich mehr als verdoppelt, bei Strom sogar fast verdreifacht und bei Rohöl stand immerhin ein Anstieg um mehr als 50% zu Buche. Inzwischen hat sich der Preisanstieg zwar zurückgebildet, Autofahrer müssen verglichen mit dem 23. Februar allerdings durchschnittlich noch immer 15% mehr für Benzin und fast 25% mehr für Diesel berappen. Bei Heizöl liegt das Plus gar bei rund 45%.

Für Politik und Notenbank lautet die alles entscheidende Frage nun, wie stark die hohen Energiepreise die Konjunktur belasten werden. »Stabilisierten« sich die Preise dauerhaft auf dem aktuellen Niveau, brächte das unseren Berechnungen zufolge in diesem Jahr eine zusätzliche Belastung für die Konsumenten der Eurozone in Höhe von gut 300 Mrd. EUR mit sich. Das entspricht 5,0% der nominalen privaten Konsumausgaben des Jahres 2021. Unter normalen Umständen wäre ein solcher Kaufkraftentzug kaum zu kompensieren und hätte höchstwahrscheinlich einen merklich dämpfenden Effekt auf den privaten Verbrauch und somit die Konjunktur zur Folge.

Angesichts der Corona-Pandemie sind die Umstände der europäischen Wirtschaft allerdings nicht normal. Während der vergangenen zwei Jahre haben die privaten Haushalte der Eurozone ein massives Sparpolster aufgebaut. Daten der EZB zufolge halten Konsumenten und Unternehmen zurzeit etwa 800 Mrd. EUR mehr in Form von Giroguthaben und Bargeld, als dies ohne die Pandemie der Fall gewesen wäre. Die Belastungen aus den gestiegenen Energiepreisen können mithin allein durch die Sparüberschüsse deutlich gemildert werden.

Darüber hinaus haben die Regierungen aller Euroländer Massnahmen ergriffen, um die negativen Effekte für die Konsumenten abzufedern. In Deutschland beispielsweise wurde hierzu in der vergangenen Woche bereits ein zweites Entlastungspaket beschlossen. Insgesamt nimmt die Bundesregierung nun etwa 25 Mrd. EUR in die Hand, was in etwa 1,5% der nominalen privaten Konsumausgaben entspricht. Entlastungen in ähnlicher Grössenordnung wurden in Frankreich und Italien angestossen. 

Unseres Erachtens wird das aktuelle Energiepreisniveau die Konjunktur der Eurozone daher nicht aus der Bahn werfen. Mehr als eine Dämpfung der enormen aufgestauten Nachfrage vor allem im Bereich der konsumnahen Dienstleistungen (Reisen, Gastronomie, Freizeit etc.) erwarten wir nicht. Sowohl Konsum als auch Bruttoinlandsprodukt sollten im laufenden Jahr daher erkennbar zulegen.

Ein anderes Bild ergäbe sich unserer Einschätzung nach nur für den Fall eines kompletten Importstopps russischen Öls und Gases. Allerdings weniger wegen des dann zu erwartenden nochmaligen Schubs bei den Energiepreisen, sondern eher wegen der Tatsache, dass grosse Teile des produzierenden Gewerbes ohne Gas ihre Produktion nicht aufrechterhalten könnten und es zu erheblichen Produktionsausfällen käme. Bleibt ein solches Worst-Case-Szenario jedoch aus, wovon wir ausgehen, wird die EZB angesichts eines anhaltend robusten Wirtschaftswachstums und der völlig aus dem Ruder laufenden Inflation noch in diesem Jahr beginnen, die Leitzinsen spürbar nach oben zu führen. 

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