Kommentar
23. August 2021

Fed nimmt Inflationsrisiken in den Blick

Die schnelle Ausbreitung der Delta-Variante des Coronavirus in den USA sorgt nicht nur an den Finanzmärkten für Verunsicherung. Auch in der US-Wirtschaft sind Bremsspuren zu erkennen. Beispielsweise liegen die Passagierzahlen im Flugverkehr wieder deutlicher unter den Vorkrisenniveaus von 2019. Die Erholung ist hier mithin zum Stillstand gekommen.

Zweifellos birgt die ansteckendere Virusvariante das Risiko künftig noch grösserer Belastungen. Wenn die Zahl der schweren Krankheitsverläufe weiter dynamisch zunimmt, besteht die Gefahr, dass die Konsumenten ängstlicher werden. Der wichtigste Wachstumsmotor der US-Wirtschaft droht damit merklich an Schwung zu verlieren. Parallel dazu könnte die Arbeitsmarkterholung ins Stocken geraten. Letztlich würde damit sogar der Ausstieg der Fed aus der ultraexpansiven Geldpolitik in Frage gestellt.

Aber auch im Falle dieses Risikoszenarios dürfte gelten: aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Selbst wenn die Delta-Variante die wirtschaftliche Erholung in den USA stärker bremst als derzeit erwartet, wird es sich dabei nur um ein vorübergehendes Störfeuer handeln. Je grösser die Verunsicherung durch die aktuelle Pandemiewelle wird, umso mehr sollten die Widerstände gegenüber einer Impfung abnehmen. Schon jetzt sind rund drei Viertel der Bevölkerung vor einem schweren Krankheitsverlauf geschützt – entweder durch Impfung (61% haben mindestens eine Impfdosis erhalten) oder weil die Krankheit bereits durchgemacht wurde.

Folglich sehen wir gute Chancen, dass sich die Arbeitsmarkterholung über kurz oder lang mit hohem Tempo fortsetzt. Nie zuvor suchten in den USA so viele Firmen händeringend nach neuen Mitarbeitern. Wenn die staatlichen Arbeitslosenhilfen in wenigen Wochen auslaufen, steigen für viele US-Bürger die Anreize, einen Job anzunehmen. Die jetzt noch offenen Stellen sollten zügig besetzt werden. Das wird nicht nur die Fed ihrem Beschäftigungsziel näherbringen. Wenn Millionen von neuen Arbeitsplätzen entstehen, verschafft das auch der wirtschaftlichen Erholung zusätzlichen Auftrieb und kurbelt nicht zuletzt den Teuerungsdruck weiter an.

Für die US-Notenbank ist das ganz entscheidend. Die meisten Mitglieder des geldpolitischen Ausschusses sehen zwar im aktuellen Inflationsschub lediglich ein vorübergehendes Phänomen. Zuletzt wurde indes von mehreren Währungshütern auf das Risikoszenario verwiesen, wonach es sich bei der anziehenden Teuerung doch um eine hartnäckigere Entwicklung handeln könnte. Prominent wurde diese Sicht im jüngsten Fed-Protokoll zum Ausdruck gebracht. Die stärkere Fokussierung auf die Gefahr einer ausufernden Inflation erklärt auch, warum die Mehrheit der Währungshüter inzwischen schon in diesem Jahr mit dem Tapering beginnen will. Denn eine frühe Rückführung der Anleihenkäufe schafft die Basis, nötigenfalls auch schneller mit Zinserhöhungen beginnen zu können.

Wir sind schon seit Längerem der Auffassung, dass die Inflation durch die historisch beispiellosen geld- und fiskalpolitischen Stimuli kräftig angeschoben wird und auf absehbare Zeit nicht wieder nachhaltig unter das 2%-Ziel der Fed zurückfällt. Selbst wenn die Delta-Variante die konjunkturelle Erholung nochmals temporär bremst, befindet sich die Wirtschaft übergeordnet auf einem dynamischen Erholungskurs und die Inflation sollte hoch bleiben. Damit ist nicht nur die Rückführung der Anleihenkäufe vorgezeichnet, sondern auch der nächste Zinserhöhungszyklus. US-Treasuries steuern entsprech­end trotz der aktuellen Pandemiewelle mittelfristig auf raues Fahrwasser zu.

Rechtlicher Hinweis

Die in diesem Beitrag gegebenen Informationen, Kommentare und Analysen dienen nur zu Informationszwecken und stellen weder eine Anlageberatung noch eine Empfehlung oder Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Anlageinstrumenten dar. Die hier dargestellten Informationen stützen sich auf Berichte und Auswertungen öffentlich zugänglicher Quellen. Obwohl die Bantleon Bank AG der Auffassung ist, dass die Angaben auf verlässlichen Quellen beruhen, kann sie für die Qualität, Richtigkeit, Aktualität oder Vollständigkeit der Angaben keine Gewährleistung übernehmen. Eine Haftung für Schäden irgendwelcher Art, die sich aus der Nutzung dieser Angaben ergeben, wird ausgeschlossen. Die Wertentwicklung der Vergangenheit lässt keine Rückschlüsse auf die künftige Wertentwicklung zu.