Kommentar
26. Oktober 2020
Europa unter Druck

Weltweit ziehen die Statistikämter derzeit Bilanz zum 3. Quartal. Bereits bekannt sind die chinesischen Zahlen, die erwartungsgemäss positiv ausgefallen sind. Nach dem Einbruch im 1. Quartal wuchs die Wirtschaft zum zweiten Mal in Folge kräftig (+2,7% nach +11,7%, jeweils im Vergleich zum Vorquartal). Das Ausgangsniveau vor der Krise wird inzwischen um mehr als 3% übertroffen. China ist mithin auf gutem Weg zum alten Wachstumspfad – sprich 6% Wachstum p.a. – zurückzukehren.

Die übrige Welt hinkt dem chinesischen Konjunkturzyklus um ein Quartal hinterher. Die zyklische Erholung hat hier erst im 3. Vierteljahr begonnen. Die Zahlen zum Sommerquartal werden daher in vielen Regionen beeindruckend ausfallen. In den USA sollte die Wirtschaft um über 7,0% zugelegt haben (in annualisierter Rechnung sind es > 30%), womit das Niveau vom Jahresbeginn nur noch um knapp 4% unterschritten wird. In der Eurozone dürfte der BIP-Anstieg in Q3 sogar bei rund 11,5% gelegen haben. Allerdings war der Einbruch im 1. Halbjahr in der Währungsunion auch stärker als in den USA ( 15,1% versus -10,2%) – bis zum Vorkrisenniveau fehlen daher noch gut 5%.

Insgesamt hat sich die Weltwirtschaft also vom ersten Corona-Schock spektakulär erholt. Allerdings währt die Freude darüber nicht lange. Pünktlich zu Beginn des Herbstes (auf der Nordhalbkugel) ist die Pandemie vehement zurückgekehrt. Am wenigsten davon betroffen scheint China. Die Normalisierung der Wirtschaft hat sich hier bis in den Oktober hinein ungebremst fortgesetzt. Mithin ist das Reich der Mitte ein Gewinner der Krise. Das Land profitiert nicht nur vom guten Krisenmanagement, es stellt auch Waren her (allen voran Medizin- und Elektronikartikel), die weltweit gesucht sind. 

In den USA ist das Pandemiegeschehen – ähnlich wie in Europa – nicht unter Kontrolle. Allerdings hat man derzeit den Eindruck, dass sich viele US-Amerikaner deswegen nicht aus der Ruhe bringen lassen. Die jüngste Markit-Einkaufsmanagerumfrage zeigt keinerlei Ermüdungserscheinungen in der Industrie und im Servicesektor. In der Bauwirtschaft herrscht angesichts der regen Immobiliennachfrage fast Euphorie. Insgesamt geht die US-Wirtschaft mit viel Schwung ins Schlussquartal. Ein enormer Stützfaktor ist und bleibt die Fiskalpolitik. Im Grundsatz haben sich bereits jetzt alle politischen Kräfte darauf geeinigt, dass ein weiterer Stimulus kommen wird.

Das schwächste Glied in der Kette ist wieder einmal Europa. Das aktuelle Krisenmanagement erscheint hilflos. Es läuft auf einen »Lockdown light« hinaus, bei dem europaweit alle Freizeitaktivitäten auf null heruntergefahren werden. Die Belebung ist damit definitiv ins Stocken geraten. Die Fiskalpolitik ist zwar fast ebenso aggressiv wie in den USA, ein bedeutender Teil der Massnahmen startet aber erst im kommenden Jahr. Europa muss daher in den nächsten Monaten erneut durch ein Tal der Tränen gehen. 

2021 hängt dann alles von der Wirksamkeit der Impfstoffe bzw. neuen Behandlungsmethoden ab. Aus unserer Sicht bestehen nach wie vor gute Chancen, dass sich in diesem Zuge auch das Wirtschaftsleben in Europa wieder normalisiert. 

Im Ergebnis ist aktuell die Gefahr eines namhaften konjunkturellen Rücksetzers im globalen Vergleich in Europa am grössten. Gleichzeitig ist aber auch ein starkes Comeback im Jahr 2021 wahrscheinlich. Aus Risikoüberlegungen ist demzufolge eine vorübergehende Untergewichtung europäischer Aktien plausibel. Allerdings darf dann der Wiedereinstieg nicht verpasst werden.

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