Kommentar
15. August 2022

Börsen freuen sich zu früh

Die US-Inflationsdaten vom Juli haben den Aktienmärkten mächtig Auftrieb beschert. Der überraschend deutliche Rückgang der Teuerungsrate von 9,1% auf 8,5% schürt die Hoffnung auf eine weniger aggressive Zinspolitik der Fed. Vor allem an den US-amerikanischen Börsen sorgte dies für einen Freudensprung. Der S&P500 legte im Wochenverlauf um weitere 3,3% zu. Gegenüber dem Tiefpunkt vom 17. Juni beträgt das Plus mittlerweile 18%. Zum Rekordstand vom 4. Januar 2022 fehlen nur noch 11%. Ist die Euphorie hinsichtlich der Inflationszahlen berechtigt?

Es spricht derzeit in der Tat viel dafür, dass die Headline-Inflationsrate ihren Gipfel durchschritten hat. Bei Energieträgern, deren Preise knapp 33% über dem Vorjahresniveau liegen, wird der Teuerungsdruck in den nächsten Monaten vermutlich abnehmen. Gleiches gilt für Flugtickets und Gebrauchtwagen.

Bei den meisten übrigen Komponenten des Verbraucherpreisindex ist es aber für eine Entwarnung zu früh. Der fundamentale Preisdruck ist unverändert hoch. So sind die Unternehmen immer noch dabei, die gestiegenen Kosten vonseiten der Rohstoffe und Vorprodukte an die Endverbraucher weiterzugeben. Ausserdem sehen sie sich mit einem anhaltend hohen Lohnwachstum konfrontiert, das derzeit in den USA rund 6,0% beträgt. Speziell arbeitsintensive Dienstleistungen (im Bereich Freizeit, Gesundheit und Finanzwesen) werden daher weiterhin hohe Preissteigerungsraten aufweisen. Nicht zu vergessen sind die Mieten, die vom robusten Arbeitsmarkt und dem Höhenflug der Immobilienpreise angetrieben werden.

Im Ergebnis wird die Teuerungsrate in den USA nur sehr langsam zurückgehen. Selbst Ende 2022 wird sie immer noch bei rund 7,5% liegen. Das weiss auch die Fed, die sich eine Beschleunigung des Disinflationsprozesses wünscht. Dabei kommt dem Arbeitsmarkt eine Schlüsselrolle zu. Nur wenn die Beschäftigungsnachfrage der Unternehmen abebbt, wird das Lohnwachstum nach unten drehen.

Der Plan der US-Notenbank ist es daher, die Konjunktur so abzubremsen, dass das Wachstumstempo unter die Potenzialrate von 2% fällt. Dadurch würde der heiss gelaufene Arbeitsmarkt abkühlen. Wir gehen jedoch davon aus, dass dieses Soft Landing der Wirtschaft nicht gelingt. Vielmehr ist das Kind bereits in den Brunnen gefallen. Die Fed hat schon jetzt einen der grössten Zinsschocks seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs verursacht. Auch der Druck auf die Gewinnmargen – aufgrund der oben beschriebenen Kostensteigerungen – ist einer der stärksten der vergangenen Jahrzehnte. Eine Rezession ist demzufolge in unseren Augen nahezu unvermeidlich.

Aber selbst wenn die US-Wirtschaft doch knapp daran vorbeischrammt, ist eines sicher: Die Konjunktur dreht in den kommenden Quartalen scharf nach unten, worunter die Unternehmensgewinne leiden werden. Dies ist an den Aktienmärkten noch nicht eingepreist. Die Analysten gehen immer noch von kräftigen Gewinnsteigerungen im Jahr 2023 aus (USA: +8%).

Fazit: Die Investoren werden nicht umhinkommen, die Zeche der jahrelang zu laxen Geldpolitik zu zahlen. Der Geist der Inflation ist als Folge der Liquiditätsflut aus der Flasche. Er kann nur wieder eingefangen werden, indem die Notenbanken weltweit scharf auf die Bremse treten. Die Konsequenz daraus dürfte ein Einbruch der Weltwirtschaft sein, der die Unternehmensgewinne und Aktienmärkte – anders als es viele erhoffen – namhaft belasten wird.

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