Kommentar
2. August 2021

Ambivalentes konjunkturelles Umfeld für die Finanzmärkte

Die Konjunktur der Industrieländer ist im Frühjahr auf Touren gekommen – dank der Impffortschritte und dem Ende vieler Lockdowns. In der Eurozone wuchs das BIP im 2. Quartal um 8,3% (im Vergleich zum Vorquartal und in annualisierter Rechnung). In den USA waren es immerhin 6,5%. Darüber hinaus deuten sich für das 3. Quartal sogar noch grössere BIP-Zuwächse an.

Tragende Säule des Wachstums ist aktuell der Konsum, der in den USA laut erster Schätzung im 2. Quartal um knapp 12% expandiert ist. In der Eurozone dürfte der Wert sogar bei gut 15% gelegen haben. Dass der BIP-Anstieg damit nicht mithalten kann, lag vor allem an einem – derzeit das Wachstum bremsenden – Faktor: den Engpässen im verarbeitenden Gewerbe. 

Diese Flaschenhälse haben zu einem Lagerabbau geführt, der statistisch gesehen das Wachstum mindert. In einigen Fällen musste die Produktion sogar gedrosselt werden. Prominentestes Beispiel ist die deutsche Autoindustrie, deren Auftragseingang seit Ende 2020 um 5% gestiegen ist, während die Produktion um mehr als 20% zurückging. Aber selbst dieser Konstellation ist etwas Positives abzugewinnen. Schliesslich zeigen die Engpässe, dass wir es mit einem globalen Nachfrageboom zu tun haben, der seinesgleichen sucht.

Derzeit herrscht also rundum konjunktureller Sonnenschein. Mit Blick auf den Herbst trübt sich allerdings der Konjunkturhimmel ein. Die Delta-Variante des Coronavirus wird auf der Nordhalbkugel die Neuinfektionszahlen kräftig in die Höhe schiessen lassen – es drohen somit erneute Lockdowns. 

Einige Entwicklungen stimmen indes zuversichtlich, dass es dieses Mal weniger schlimm kommt. Erstens sind in Ländern, in denen die Delta-Variante bereits heftig gewütet hat (UK, Niederlande, Indien), die Neuinfektionszahlen wieder rückläufig. Zweitens ist die Entkopplung zwischen den Ansteckungen einerseits und den Hospitalisierungen/Todesfällen andererseits nahezu überall ersichtlich. Drittens dürfte es in den meisten Industrieländern gelingen, die Impfquote zumindest auf 70% der Bevölkerung anzuheben.  

Erneute harte Lockdowns wie im vergangenen Jahr scheinen daher unwahrscheinlich. Zweifelsohne muss abgewartet werden, ob die Konsumenten sich auch bei hohen Infektionszahlen in ein Restaurant, Fitnessstudio oder Kino trauen. Alles in allem bleibt es aber plausibel, für das 4. Quartal lediglich von einer Wachstumsverlangsamung und keinem Absturz auszugehen.

Für die Aktienmärkte ist dies ein zwiespältiges Umfeld. Der konjunkturelle Rückenwind lässt zwar nach, ebbt aber noch nicht ganz ab. Weitere Kursgewinne in den nächsten Monaten sind daher möglich. Wie sich aber bereits in den vergangenen Wochen gezeigt hat, nimmt im Zuge einer nachlassenden Konjunkturdynamik die Rückschlagsgefahr zu. Staatsanleihen konnten davon zuletzt profitieren. In den tief negativen Realzinsen spiegeln sich sogar Rezessionsängste wider. Sollte sich jedoch herausstellen, dass die Konjunktur doch robuster ist, dürfte dies Staatsanleihen belasten.

Kommt hinzu, dass wir in den nächsten Monaten mit anhaltend hohen Inflationsraten rechnen. Damit trübt sich sowohl für Anleihen als auch Aktien mittelfristig das Umfeld ein. In der Folge rücken für den Investor erneut Rohstoffe und Linker ins Blickfeld. Ausserdem sollten auch Anlagen in Schwellenländern wieder attraktiver werden, wenn dort die Pandemie abebbt. 

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