Kommentar
13. Juli 2020

US-Wirtschaft bleibt anfällig für Rückschläge

Nachdem die Geld- und Fiskalpolitik in den vergangenen Wochen und Monaten weltweit die Bazooka ausgepackt hatte, ist es zuletzt etwas ruhiger geworden. In der EU konzentriert man sich derzeit auf die Umsetzung des Wiederaufbaufonds. In den USA gibt es zwar Pläne für ein weiteres Fiskalpaket, derzeit befindet sich die Politik aber in der Sommerpause. Ähnliches gilt für die Fed und die EZB. Im Rahmen der anstehenden Notenbanksitzungen dürften die Währungshüter erst einmal abwarten.

Dieses Durchschnaufen scheint durchaus gerechtfertigt, denn mit dem bisher Erreichten kann die Wirtschaftspolitik zufrieden sein. Die Konjunkturdaten haben in den zurückliegenden Wochen rund um den Globus positiv überrascht. In den vergangenen Tagen stachen der Sprung beim ISM-Einkaufsmanagerindex des Servicesektors in den USA (57,1 nach 45,4 Punkten) sowie der kräftige Mai-Produktionsanstieg in Italien hervor (+42,1% im Vergleich zu April). Der italienische Output der Industrie lag damit kurz nach Ende der Ausgangssperre bereits wieder bei 80% des Vorkrisenniveaus.

Damit steigen die Chancen, dass die bislang sehr pessimistischen BIP-Prognosen für das 2. Quartal in Italien und der Eurozone leicht angehoben werden können. Zugleich verbessert sich der Ausblick für das 3. Quartal. China, das dem Rest der Welt in der Pandemie einige Wochen voraus ist, könnte auch beim BIP-Wachstum die Vorreiterrolle spielen. Nach dem Einbruch zu Jahresbeginn zeichnet sich im 2. Vierteljahr bereits wieder ein Anstieg im Vorjahresvergleich ab.

Überhaupt sind Europa und China derzeit Musterschüler. Das Infektionsgeschehen scheint unter Kontrolle. Auch die jüngsten lokalen Coronavirus-Ausbrüche (etwa in Peking oder Gütersloh) wurden schnell wieder eingedämmt. Der Weg zur Normalisierung des Wirtschaftslebens kann daher fortgesetzt werden. Die positive Entwicklung spiegelt sich auch in den Hochfrequenzdaten (z.B. Restaurantbesuche, Kundenzahl in Geschäften) wider, die aufwärtsgerichtet sind.

Einziger Ausreisser unter den grossen Wirtschaftsblöcken bleiben die USA. Hier hat das Risiko eines konjunkturellen Rückschlags in den vergangenen Tagen weiter zugenommen. Das vorsichtige Zurückdrehen der Lockerungsmassnahmen, zu dem sich zahlreiche Bundesstaaten gezwungen sahen, hinterlässt bereits erste negative Spuren in der Wirtschaftsaktivität. Darüber hinaus könnte jedoch weiteres Ungemach drohen, wenn die Krankenhauskapazitäten an ihre Grenzen stossen.

Noch lässt sich nicht abschätzen, wie sich das Infektionsgeschehen weiter entwickelt. Unter Umständen reichen die derzeit verfügten Massnahmen (z.B. Maskenpflicht, Schliessen von Bars) aus, um die Ansteckungen zu senken. Dann wird es nur zu einem milden konjunkturellen Dämpfer kommen. Nicht auszuschliessen ist aber, dass noch stärkere Lockdown-Massnahmen erforderlich sind, mit gravierenden Folgen für die Wirtschaft.

Alles in allem zeigen die jüngsten Daten, dass die Weltwirtschaft auf gutem Wege ist, sich zu erholen und die Krise zu überwinden. Gleichzeitig haben sich in den USA jedoch Risiken aufgebaut, die kurzfristig nochmals einen namhaften konjunkturellen Rücksetzer hervorrufen könnten, der auf die restliche Welt ausstrahlt. Angesichts dieser ambivalenten Gemengelage plädieren wir temporär für eine neutrale Positionierung bei Risikoassets

Rechtlicher Hinweis

Die in diesem Beitrag gegebenen Informationen, Kommentare und Analysen dienen nur zu Informationszwecken und stellen weder eine Anlageberatung noch eine Empfehlung oder Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Anlageinstrumenten dar. Die hier dargestellten Informationen stützen sich auf Berichte und Auswertungen öffentlich zugänglicher Quellen. Obwohl die Bantleon Bank AG der Auffassung ist, dass die Angaben auf verlässlichen Quellen beruhen, kann sie für die Qualität, Richtigkeit, Aktualität oder Vollständigkeit der Angaben keine Gewährleistung übernehmen. Eine Haftung für Schäden irgendwelcher Art, die sich aus der Nutzung dieser Angaben ergeben, wird ausgeschlossen. Die Wertentwicklung der Vergangenheit lässt keine Rückschlüsse auf die künftige Wertentwicklung zu.