Kommentar
15. Juni 2020

Notenbanken stellen Staaten einen Blankoscheck aus

Die jüngsten Notenbanksitzungen der EZB und Fed geben Anlass für ein erstes Resümee zur Geldpolitik während der Coronavirus-Krise. Normalerweise reagieren Notenbanken auf Rezessionsgefahren mit scharfen Leitzinssenkungen. Dies war jedoch nur noch der Federal Reserve vergönnt, welche die Leitzinsen um 150 Bp nach unten schleuste und damit ihr letztes Zins-Pulver verschoss. Die anderen Notenbanken in den entwickelten Volkswirtschaften waren kaum noch (Bank of England, Reserve Bank of Australia) oder gar nicht mehr (EZB, Bank of Japan, Sveriges Riksbank, Schweizer Nationalbank) zu Zinssenkungen in der Lage. Für die EZB ist es überhaupt die erste Rezession, ohne dass der Leitzins reduziert wird.

Die Notenbankreaktion hat sich somit dieses Mal auf drei andere Schwerpunkte verlagert. Zunächst war es wichtig, die Auswirkungen der staatlichen Stützungsmassnahmen abzufedern. Anders als in früheren Krisen trat die Fiskalpolitik sehr schnell auf den Plan und lancierte umfangreiche Hilfspakete. Den damit einhergehenden Angebotsdruck auf die Staatsanleihenmärkte mussten die Notenbanken auffangen, indem sie ihrerseits riesige Wertpapierkaufprogramme auflegten. Die EZB wird in diesem Jahr aller Voraussicht nach Staatsanleihen im Volumen von 1.000 Mrd. EUR erwerben, die Fed von über 2.000 Mrd. USD, womit ein Grossteil der diesjährigen Neuemissionen absorbiert wird. Offiziell ist natürlich lediglich davon die Rede, die Funktionsfähigkeit der Märkte sicherzustellen. In Wirklichkeit handelt es sich jedoch um nichts anderes als Staatsfinanzierung durch die Notenpresse.

Das zweite aktuelle Ziel der Notenbanken ist es, die Kreditversorgung der Wirtschaft sicherzustellen. Über das »Main Street Lending Program« vergibt die Fed sogar erstmals Kredite direkt an Unternehmen. Darüber hinaus kaufen – sowohl die Fed als auch die EZB – Unternehmensanleihen auf. Bislang sind die Währungshüter in dieser Hinsicht sehr erfolgreich. Die Risikoaufschläge haben sich seit dem Hochpunkt Ende März halbiert.

Drittens wird angestrebt, die Leitzinsen so lange wie möglich auf dem Nullzinsniveau festzunageln. Die Fed hat vergangene Woche unterstrichen, bis mindestens Ende 2022 stillzuhalten. Bei der EZB sieht es ähnlich aus. Mit Blick auf die US-Notenbank geht man sogar davon aus, dass die Forward Guidance an konkrete Ziele (Arbeitslosenquote) gekoppelt wird, die auf Jahre hinaus nicht erreicht werden dürften. Schliesslich wird sogar darüber spekuliert, ein Renditeziel für kurz laufende Treasuries festzulegen. Alles dient dem Zweck, die Zinsen über alle Laufzeiten hinweg möglichst lange tief zu halten, um damit günstige Finanzierungskonditionen sicherzustellen.

Die »neue Geldpolitik« hat mehrere Konsequenzen: Zunächst geben die Währungshüter den Staaten praktisch einen Freifahrtschein, Konjunkturprogramme in unbegrenzter Höhe umzusetzen. Darüber hinaus helfen sie mit, unrentable Unternehmen am Leben zu halten und schliesslich heizt das unendliche Niedrigzinsversprechen den übergeordneten Aufwärtstrend am Aktienmarkt weiter an. Mithin wird jedem renditehungrigen Investor noch klarer vor Augen geführt, dass es scheinbar keine Alternative zu Aktien gibt.

Der Weg der Geldpolitik wird damit immer riskanter. Allen voran baut sich unter Mitwirkung der Fiskalpolitik mittelfristig ein Inflationspotenzial auf. Die Renditen dürften somit am Ende doch erkennbar zulegen, was die hochverschuldeten Staaten und Unternehmen wiederum gehörig unter Druck setzen wird.

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