Kommentar
21. September 2020

Neue Forward Guidance der Fed wirkt wie ein Akt der Verzweiflung

Die US-Notenbank hat in der vergangenen Woche ihre mit Spannung erwartete neue Forward Guidance bekannt gegeben. Fed-Präsident Jerome Powell betonte gleich mehrfach, dass es sich dabei um einen sehr »kraftvollen« Zinsausblick handle: Die Leitzinsen sollen solange auf dem aktuell tiefen Niveau bleiben, bis erstens Vollbeschäftigung erreicht ist, zweitens die Inflationsrate auf 2% gestiegen ist und drittens die Teuerungsrate auf Kurs ist, diese Marke für einige Zeit leicht zu überschreiten. Unterstrichen wird der darin zum Ausdruck kommende extrem dovishe Ausblick durch die sogenannten Dots, die Punktprognosen der siebzehn FOMC-Mitglieder für das Niveau der Leitzinsen am Ende der kommenden Jahre. Über den gesamten Prognosehorizont hinweg – der bis 2023 reicht – rechnet die grosse Mehrheit der Währungshüter nicht mit einer einzigen Zinserhöhung.

Soweit so gut. Was aber kann die Fed mit diesem Zinsausblick noch bewirken? Wenig Gutes, denn die Geldterminmärkte gingen ohnehin schon davon aus, dass die Leitzinsen bis 2024 auf dem aktuellen Niveau bei 0,00% bis 0,25% verharren werden. Und Negativzinsen sind wegen der mit ihnen verbundenen Schäden für das Geldmarktfonds-Geschäft in den USA aktuell tabu. Leitzinssenkungserwartungen werden also nicht aufkommen. Das Renditeniveau am kurzen Ende kann somit trotz der neuen Forward Guidance nicht weiter sinken. Expansive Impulse sind hier nicht mehr möglich.
Darüber hinaus besteht bei langen Laufzeiten angesichts Renditen 10-jähriger Treasuries von rund +0,70% ebenfalls kaum noch Potenzial für sinkende Zinsen. Damit wird auch das grundsätzlich noch nutzbare Instrument umfangreicherer Anleihenkäufe zu einem stumpfen Schwert.

Letztlich wirkt daher das von Powell in seinen Ausführungen zehnmal verwendete Adjektiv »kraftvoll« bei der Beschreibung der Forward Guidance wie das berühmte Pfeifen im Walde. Selbst wenn sich die Fed noch so überzeugt gibt – es ist nicht mehr zu übersehen, dass die Geldpolitik am Ende ist mit ihrem Latein. Nicht nur, weil sie die Wirtschaft kaum noch stimulieren kann. Auch die drohenden Nebenwirkungen jahrelanger Nullzinsen in Form von Schuldenblasen und einer Zombiefizierung der Unternehmenswelt werden derzeit komplett ausgeblendet.

Es gibt zwar noch eine Chance, dass es nicht zu diesen Extremszenarien kommen muss. Wir sind nämlich weniger skeptisch als die Fed, was den Konjunktur- und Inflationsausblick angeht. So rechnen wir damit, dass sich die Wirtschaft schneller vom Coronaschock erholt und gehen davon aus, dass die Kernteuerung nicht erst Ende 2023 die 2%-Marke erreicht, sondern deutlich früher. Dann könnte die Nullzinsphase schneller beendet werden, was die Gefahr der schädlichen Nebenwirkungen mindert.

Sollte jedoch die Fed mit ihrem pessimistischen Ausblick Recht behalten und die Nullzinspolitik auch in drei bis vier Jahren noch fortsetzen, trüben sich die längerfristigen Perspektiven deutlich ein. Wenn die Geldpolitik zu einer Dauerstütze für die Finanzmärkte mutiert, wird eine adäquate Bepreisung von Risiken mehr und mehr unmöglich. Es dürfte dann auf Sicht der kommenden Jahre nur eine Frage der Zeit sein, bis die nächste grosse Blase platzt. Das neuste Tiefzinsversprechen der Fed kommt damit einem Akt der Verzweiflung gleich. In unserem zuversichtlichen Konjunkturszenario besteht freilich die Option, dass das Schlimmste vermieden werden kann. Die Gefahr eines Scheiterns der ultraexpansiven Geldpolitik ist mit der neuen Forward Guidance aber noch grösser geworden.

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