Analyse
23. Januar 2020

Lagarde spricht viel, sagt aber wenig

Die erste EZB-Sitzung im neuen Jahr, zugleich die zweite unter Leitung von Präsidentin Christine Lagarde, verlief ebenso unspektakulär wie diejenige Mitte Dezember 2019. Die Stellungnahme zur Zinsentscheidung lautete nahezu wortgleich zu der von vor sechs Wochen. Neu war lediglich die offizielle Ankündigung der bereits in Aussicht gestellten Strategieüberprüfung.

Konjunktur- und Inflationsausblick aufgehellt

Leicht abgewandelt präsentierte die EZB-Präsidentin dann aber ihre einleitenden Bemerkungen auf der Pressekonferenz. So sprach Lagarde nicht mehr von einer schwachen Konjunkturdynamik in der Eurozone, sondern davon, dass die Wirtschaft weiter moderat wachse. Die Risiken für den konjunkturellen Ausblick in Form geopolitischer Spannungen, zunehmenden Protektionismus und der Anfälligkeit einiger aufstrebender Volkswirtschaften seien zwar weiter abwärtsgerichtet, hätten aber abgenommen. Im Dezember war noch davon die Rede, dass die Risiken »etwas« abgenommen hätten.

Auch mit Blick auf die Inflation gab es eine kleine Anpassung. Hinsichtlich des unterliegenden Preisauftriebs merkte die EZB-Präsidentin an, dieser sei unverändert gedämpft. Es gebe allerdings weitere Anhaltspunkte für eine leichte Zunahme. Im Dezember hiess es noch, es gebe »einige« Anhaltspunkte.

Unter dem Strich liege die jüngste Entwicklung von Konjunktur und Inflation im Rahmen der Erwartungen des EZB-Rates.

Strategieüberarbeitung bis Ende 2020

Die Überarbeitung der geldpolitischen Strategie der EZB soll Ende dieses Jahres beendet sein. Lagarde nannte den Dezember als wahrscheinlichstes Datum für die Bekanntgabe der Ergebnisse. Die Überprüfung wird die quantitative Formulierung des Inflationsziels, den geldpolitischen Werkzeugkasten, die Analyse von Konjunktur und monetärer Säule sowie die Kommunikation der EZB beinhalten.

Das Hauptaugenmerk der Finanzmärkte wird ganz klar auf der Formulierung des Inflationsziels liegen. Wie und ob das bisherige Inflationsziel am Ende überhaupt verändert wird, ist völlig offen. Die Vorschläge im EZB-Rat reichen von einer Beibehaltung des Ziels über eine leichte Anpassung zu vollständiger Symmetrie des Zielwerts bis hin zur Einführung einer Inflationsbandbreite. Am Ende könnte ein Minimalkompromiss stehen.

EZB mit Blick auf Inflation zu vorsichtig

Doch zurück zur EZB-Einschätzung: Wir halten die BIP- und die Inflationsprognose der EZB für das laufende Jahr für zu vorsichtig. Aufgrund von Basiseffekten bei den Energiepreisen wird die Inflationsrate im Januar voraussichtlich von 1,3% auf 1,5% ansteigen. Bis ins 2. Quartal hinein werden sich diese Basiseffekte zwar umkehren, wegen einer sich auf dem aktuellen Niveau von 1,3% stabilisierenden Kerninflationsrate wird die Gesamtinflationsrate aber nicht mehr nachhaltig unter 1,0% sinken. Der von der EZB erwartete Jahresdurchschnitt von 1,1% sollte sich damit als zu niedrig herausstellen. Wir halten derzeit einen Wert von 1,4% für wahrscheinlich.

Belebt sich zudem – wie von uns erwartet – die Konjunktur in den nächsten Monaten, ist auch die EZB-Annahme eines BIP-Zuwachses um 1,1% in diesem Jahr zu konservativ (unsere Prognose lautet 1,4%).

Wir rechnen daher damit, dass die Währungshüter im Verlauf des Jahres zunächst den noch immer vorhandenen Easing Bias – Zinsen könnten nochmals gesenkt werden – aufheben, bevor sie sich im Herbst zu einer Beendigung des Anleihenkaufprogramms entschliessen dürften. Damit wäre dann auch der Weg für höhere Leitzinsen im Jahr 2021 frei.

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