Kommentar
22. Juni 2020

Konjunkturbelebung dynamischer als gedacht

Anfang Juni schienen die Börsen den Bezug zur Realität verloren zu haben. Die Wirtschaft lag am Boden, gleichzeitig strebte der DAX auf die 13.000-Punkte-Marke zu und der NASDAQ erreichte sogar ein neues Rekordhoch. Inzwischen hat diese scheinbare Irrationalität an Unvernunft verloren. Immer deutlicher zeichnet sich ab, dass auf einen der schärfsten globalen Konjunktureinbrüche eine fast ebenso spektakuläre weltweite Erholung folgen sollte.

Dies legen vor allem die jüngsten US-Daten nahe. Ob es die Zahlen zum Geschäftsklima, dem Arbeitsmarkt, der Konsumnachfrage oder dem Bausektor waren, überall verzeichneten die Indikatoren im Mai/Juni zweistellige Zuwachsraten bzw. kräftige Sprünge nach oben. Der Konsensus hatte jeweils mit viel weniger gerechnet. Entsprechend markierte der Economic Surprise Index für die USA in der vergangenen Woche ein Allzeithoch. Mithin ist es zum Ende des 2. Quartals zu einer kräftigen zyklischen Belebung gekommen.

Dies gilt auch für Deutschland, selbst wenn hier noch keine realwirtschaftlichen Ergebnisse für Mai vorliegen. Die Hochfrequenzdaten zum Stromverbrauch, der Verkehrsdichte, des Gütertransports und den Restaurantbesuchen sind indes ebenfalls steil nach oben gerichtet und nähern sich dem Vorkrisenniveau an. Insgesamt spricht alles dafür, dass in den wichtigsten Industrieländern das Wachstum nach einem katastrophalen 2. Quartal im 3. Quartal kräftig anziehen wird.

Die Wirtschaft strebt damit schneller zum Normalzustand zurück als gedacht. Daran ändern auch die Schlagzeilen über Entlassungen und Insolvenzgefahren nichts. Es trifft meist Branchen, die bereits in Schwierigkeiten waren – allen voran die Warenhäuser. Auch bei den Automobilkonzernen sind zuvor schon dunkle Wolken aufgezogen. Der durch die Coronavirus-Krise noch beschleunigte Strukturwandel ist sicherlich schmerzhaft. Wie immer hat die Krise aber auch Gewinner hervorgebracht – sie sind unter anderem im Pharma-, Technologie- und Gesundheitsbereich angesiedelt.

Die drängendste Frage ist derzeit, ob der konjunkturelle Schwung anhält, solange noch kein Impfstoff gegen das Coronavirus verfügbar ist. Ein Serum dürfte frühestens um den Jahreswechsel auf den Markt kommen. Bis dahin könnte zu einer zweiten Ausbreitungswelle kommen. Länder mit aktuell niedrigen Fallzahlen werden die Zeit mit lokalen Lockdowns und vielen Tests überbrücken. Schwieriger sieht es in vielen Schwellenländern und einigen Teilen der USA aus. Hier wird derzeit die Strategie des Durchwurstelns praktiziert. Hoffen lässt, dass selbst in den USA die Zahl der coronabedingten Todesfälle weiterhin abflaut. Letztendlich werden die Krankenhauskapazitäten der entscheidende Engpassfaktor sein, der in den nächsten Wochen genau beobachtet werden muss.

Alles in allem gibt es mit Blick voraus einige Störfaktoren (neben dem Coronavirus die US-Wahl und die Brexit-Verhandlungen), welche an den Finanzmärkten die Risk-on-Stimmung belasten könnten. Das Risiko eines erneuten weltweiten Lockdowns wie er im März/April stattgefunden hat, sehen wir indes als gering an. Entsprechend dürften Korrekturen bei Aktien temporärer Natur bleiben und sich die übergeordneten Aufwärtsbewegungen fortsetzen. Darüber hinaus lohnt sich jedoch auch der Blick auf andere Assetklassen, die starke Unterstützung durch die Notenbanken erfahren – etwa Unternehmensanleihen und Staatsanleihen der Euro-Peripherie. Inflationsindexierte Anleihen sollten von der Erholung der Rohstoffpreise und den im nächsten Jahr anziehenden Teuerungsraten profitieren.

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