Analyse
5. Juli 2020

Investment Insight Juni 2020

Die Coronavirus-Krise führt aktuell zu verheerenden Konjunkturdaten. Doch die Staaten und Zentralbanken halten mit massiven Unterstützungsprogrammen dagegen. Zudem entwickelt sich die Pandemie weniger schlimm als befürchtet. An den Börsen wird eine Erholung bereits vorweggenommen.

Die Konjunkturdaten zeigen es immer deutlicher: Die US-Wirtschaft wird im 2. Quartal 2020 einen extremen Wachstumseinbruch erleiden. Für April weist das Bureau of Economic Analysis (BEA) ein Minus von 13,6% bei den Konsumausgaben aus. Selbst bei einer Erholung des Konsums ab Mai dürfte für den Quartalsdurchschnitt ein Rückgang von rund 45% resultieren (annualisiert gegenüber Q1). Für das BIP insgesamt halten wir daher an unserer Erwartung eines Minus in ähnlicher Grösse fest.

So kräftig der Absturz auch ausfallen dürfte, so schnell sollte aber eine Erholung einsetzen. Rückenwind gibt es dabei vor allem von den staatlichen Unterstützungsleistungen in Form von Direktzahlungen (Schecks) und Arbeitslosengeld. Für eine Reihe an US-Haushalten werden dadurch die finanziellen Einbussen infolge des Arbeitsplatzverlustes zwar nur teilweise ausgeglichen. Andere profitierten aber umso mehr. Das liegt unter anderem an der üppig ausgestatteten Arbeitslosenunterstützung, die Washington zusätzlich zu den regulären Hilfen der Bundesstaaten auszahlt. Mit dem Pauschalbetrag von 600 USD pro Woche stehen vor allem Bezieher niedriger Einkommen nun trotz Jobverlust finanziell besser da als vor der Krise. Dank dieses finanziellen Rückenwindes dürften die US-Bürger die in den vergangenen beiden Monaten zurückgestellten Käufe bald nachholen.

Durch die staatlichen Hilfsleistungen verliert auch die in die Höhe geschossene Arbeitslosigkeit einen Teil ihres Schreckens. Schon für April hatte das Bureau of Labor Statistics mit Jobverlusten in Höhe von 20,5 Mio. und einer Rekordarbeitslosenquote von 14,7% ein kritisches Bild gezeigt. Die Mai-Zahlen dürften noch schlimmer ausfallen. Die gestiegene Arbeitslosigkeit belastet zwar die privaten Haushalte, bringt die Verbraucherstimmung aber dank der staatlichen Hilfen nur relativ wenig unter Druck. Das zeigt die Verbrauchervertrauensumfrage des Conference Board deutlich. So hat sich die Einschätzung zum Arbeitsmarktumfeld bereits wieder verbessert. Das trägt dazu bei, dass sich auch der Ausblick der Konsumenten aufhellt. Der Teilindex zu den Erwartungen ist im April und Mai nicht wie in Rezessionen üblich im Gleichschritt mit der aktuellen Lage nach unten gerauscht, sondern angestiegen.

Die Zuversicht der privaten Haushalte kommt auch in deutlich anziehenden Anträgen für Hypothekenkredite zum Ausdruck. Neben dem privaten Konsum dürfte folglich auch der Wohnungsbau im 3. Quartal vom Bremsklotz zum Wachstumsmotor mutieren. Alles in allem sehen wir uns daher in unserer Einschätzung bestätigt, wonach die US-Wirtschaft trotz Rekordarbeitslosigkeit nicht in eine konjunkturelle Abwärtsspirale rutscht. Die US­Wirtschaft bleibt damit auf Kurs für eine deutliche Wachstumsbelebung im 2.  Halbjahr.

In Deutschland hat der ifo-Index im Mai wie erwartet eine Gegenbewegung zum Absturz der Vormonate vollzogen. Er kletterte von 74,2 auf 79,5 Punkte. Die Lageeinschätzung trübte sich zwar wegen der schwachen Industriedaten nochmals leicht um 0,5 Punkte auf 78,9 Punkte ein. Indes machten die Geschäftserwartungen einen Satz von 69,4 auf 80,1 Punkte, weil alle Wirtschaftsbereiche weniger pessimistisch in die Zukunft blickten. Angesichts der im Juni in Kraft tretenden weiteren Lockerungen gehen wir davon aus, dass die Geschäftserwartungen erneut merklich anziehen werden. Bei der Beurteilung der aktuellen Lage dürfte das verarbeitende Gewerbe im Juni den übrigen Sektoren nachfolgen. Der erwartete Anstieg des ifo-Index wird dann anders als im Mai auf zwei Beinen stehen und somit wahrscheinlich noch kräftiger ausfallen. In den Folgemonaten sollte sich der Aufwärtspfad abflachen.

Die optimistische Einschätzung aufgrund der Frühindikatoren ändert aber nichts daran, dass das deutsche BIP nach einem Minus von 2,2% im 1. Quartal im laufenden Quartal um 10% bis 15% einbrechen wird. Die für April berichteten Einzelhandelsumsätze machen jedoch Mut, dass das Minus eher am oberen Ende der Spanne liegen könnte. Nach vorläufigen Schätzungen gingen die Umsätze gegenüber März nur um 5,3% zurück. Das kumulierte Minus im März und April beläuft sich damit »lediglich« auf 9%. Ganz anders sieht es dagegen in Frankreich und Spanien aus. Hier sackten die Umsätze im Einzelhandel im April um jeweils rund 20% ab und seit Februar beläuft sich der Rückgang auf 33% bzw. 31%.

Mittelfristig haben sich die konjunkturellen Perspektiven mit dem von der EU-Kommission vorgeschlagenen Wiederaufbaufonds aufgehellt. Mit einem Volumen von 750 Mrd. EUR hat er deutlich mehr Feuerkraft als der kürzlich präsentierte Merkel-Macron-Plan über 500 Mrd. EUR. Zusammen mit dem Hilfspaket vom April würde er immerhin gut 9% des EU-BIP ausmachen. Die Mittel sollen auf die Jahre 2020 bis 2024 verteilt werden, sodass ein jährlicher Effekt von durchschnittlich 2% des BIP pro Jahr erzeugt und damit eine sichtbare konjunkturelle Wirkung entfaltet würde.

Die stark von der Coronavirus-Krise betroffenen Länder Italien und Spanien profitieren insgesamt am stärksten vom Wiederaufbaufonds, pro Kopf liegen jedoch die östlichen EU-Staaten ganz vorne. Der Löwenanteil der Mittel des Fonds soll für Investitionen verwendet werden. Das befeuert die Konjunktur kurzfristig zwar weniger stark, führt aber mittel- und langfristig zu höheren BIP-Zuwachsraten. Ohnehin übernehmen die nationalen Hilfsprogramme die kurzfristigen Stimuli. Es zeichnet sich entsprechend für Deutschland und die Eurozone ein positiver fiskalischer Impuls in bisher ungekannter Grössenordnung ab. Auf den erwarteten BIP-Absturz im laufenden Jahr um rund 6% (Deutschland) bzw. rund 8% (Eurozone) dürfte eine ähnlich starke Erholung im nächsten Jahr folgen. Auch 2022 sollte der BIP-Zuwachs deutlich über dem langfristigen Potenzial von rund 1,5% liegen.

An den Finanzmärkten setzte sich zuletzt die Zuversicht nahezu ungebrochen fort. Risikoassets wie Aktien, High-Yields, Peripherie-Staatsanleihen und Rohöl waren heiss begehrt. Umgekehrt gerieten die sicheren Häfen unter Druck (Bundesanleihen, US-Treasuries, USD, Schweizer Franken, Gold). Der Optimismus der Anleger wurde dabei von verschiedenen Seiten geschürt. So haben sich die Geschäftserwartungen der Unternehmen im Mai von ihren Tiefstständen im März/April erholt. Parallel dazu setzte sich in Europa der steile Abwärtstrend bei den Neuinfektionszahlen fort. Schliesslich kommen von der Geld- und Finanzpolitik weitere Impulse. Damit verbessern sich die Gewinnperspektiven der Unternehmen.

Grössere Bauchschmerzen als die konjunkturellen bereiten uns derzeit die politischen Risiken, insbesondere Donald Trump ist im Streit zwischen den USA und China alles zuzutrauen. Ein Rückschlag für die Finanzmärkte scheint möglich. Dennoch gehen wir davon aus, dass die Aktienkurse am Jahresende höher liegen als heute. Für die sicheren Häfen wird es dagegen zunehmend ungemütlich.

Investment Insight Juli 2020
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