Analyse
7. Februar 2020

Investment Insight Februar 2020

Die Coronavirus-Epidemie hält die Welt und die Finanzmärkte in Atem. Aber die Folgen dürften aus aktueller Sicht nur temporär sein. Mittelfristig stehen die Zeichen gut für eine konjunkturelle Erholung.

Das neuartige Coronavirus hält die Welt weiter in Atem und drückt auch dem wirtschaftlichen Geschehen immer deutlicher seinen Stempel auf. In weiten Teilen Chinas ist die Produktion für längere Zeit stillgelegt. Mehr als die Hälfte der Provinzen – in denen zusammen rund 70% des Bruttoinlandsprodukts Chinas erwirtschaftet werden – haben die Ferien zum Neujahrsfest um mindestens eine Woche verlängert. Wann die Unternehmen ihren Betrieb wieder aufnehmen dürfen, ist ungewiss. Allein eine grobe Überschlagsrechnung zeigt jedoch, dass durch die Produktionsstillegungen das BIP-Wachstum im laufenden Quartal deutlicher als bislang erwartet gebremst werden dürfte. Wir halten einen Rückgang der Jahreswachstumsrate von +6,0% im 4. Quartal 2019 auf 3% bis 4% für möglich.

Das tatsächliche Ausmass des Bremseffekts auf das Wirtschaftswachstum im 1.  Quartal 2020 wird entscheidend von der weiteren Ausbreitung des Virus abhängen. Unabhängig davon sehen wir darin jedoch lediglich eine temporäre Belastung. Früher oder später dürfte die Infektionswelle ihren Höhepunkt erreicht haben, sodass die Schutzmassnahmen Schritt für Schritt zurückgenommen werden können. Dafür spricht nicht zuletzt, dass der neuartige Erreger nach aktuellem Wissensstand weniger aggressiv ist als etwa das SARS-Virus im Jahr 2003. Zumindest in der Industrie sollten die anstehenden Produktionsausfälle mittelfristig wieder ausgeglichen werden und damit dem Wirtschaftswachstum in den folgenden Quartalen neuer Schwung verliehen werden. Fiskalische Stützungsmassnahmen des Staates sollten die konjunkturellen Bremseffekte zusätzlich abfedern.

In den USA ist das BIP auch im 4. Quartal des Jahres 2019 respektabel gewachsen. Mit einem annualisierten Plus von 2,1% gegenüber dem Vorquartal lag das Expansionstempo auf der Höhe der beiden Vorquartale. Bei der Struktur des BIP-Zuwachses gab es keine Überraschung. So legte der private Konsum nach den kräftigen Anstiegen im Sommerhalbjahr 2019 (durchschnittlich +3,9%) eine Verschnaufpause ein und expandierte mit +1,8% nur noch halb so stark. Daneben erzeugte die Entwicklung der Vorratsbestände einen spürbaren Bremseffekt und auch sinkende Unternehmensinvestitionen dämpften. Ausgeglichen wurden diese Belastungen durch den Aussenhandel, der aufgrund rückläufiger Importe das Wachstum merklich anschob.

Für das laufende Quartal deutet der jüngste Rücksetzer bei den Auftragseingängen ziviler Kapitalgüter im Dezember 2019 zwar noch auf eine anhaltend schwache Kapitalgüternachfrage hin. Zudem dürfte die Stilllegung der Produktion der Boeing 737 Max das BIP-Wachstum im 1.  Quartal um 0,5%-Punkte bremsen. Aber im Laufe des Jahres ist mit einer vollständigen Gegenbewegung zu rechnen. Auch die Bremseffekte durch die Virusepidemie sollten angesichts der geringen Exportabhängigkeit der USA temporär sein. Wegen der Störfeuer gehen wir für das 1. Quartal nur von einem Expansionstempo von 1,0% bis 1,5% aus. Mit Blick weiter voraus dürften die Auftragseingänge indes wieder klar nach oben drehen und damit den Startschuss für einen neuen Investitionsaufschwung geben. Wir erwarten bereits im 2. Quartal eine deutliche Belebung, die den Auftakt für eine nachhaltige Wachstumsbelebung bilden wird.

Die Wirtschaftsleistung der Eurozone stieg im 4. Quartal 2019 nur um 0,1% gegenüber dem Vorquartal an. Das war der geringste Zuwachs seit dem 1. Quartal 2013, als die Konjunktur der Eurozone noch unter den Auswirkungen der Schuldenkrise litt. Neben einem nachlassenden Tempo beim Anstieg des Konsums dämpften erneut die Lagerinvestitionen. Die Binnennachfrage in der Eurozone hat Ende 2019 an Schwung verloren. Anders als in der Vergangenheit wurde dies im abgelaufenen Quartal nicht durch einen positiven Wachstumsbeitrag des Aussenhandels abgefedert. Spanien und Belgien wiesen das grösste Plus beim BIP-Anstieg aus, während in Frankreich und Italien ein Rückgang zu Buche steht (-0,1% bzw. -0,3%).

Wichtiger als der Blick in den konjunkturellen Rückspiegel sind aber die Perspektiven. So halten wir insbesondere die Schwäche bei den privaten Konsumausgaben nur für eine Delle. Dafür sprechen ein weiterhin sehr robuster Arbeitsmarkt, ein solider Reallohnzuwachs und eine hohe Sparquote. Wir gehen daher davon aus, dass die privaten Haushalte ihre Ausgaben im laufenden Jahr erneut deutlich steigern werden. Gleiches gilt für den Staatskonsum, denn in den Kern-Euroländern um Deutschland besteht erheblicher fiskalischer Spielraum. Im Jahresverlauf ist zudem mit einer anziehenden Exportnachfrage und einer Trendwende bei den Lagerinvestitionen zu rechnen. Wir halten somit an unserer Einschätzung fest, dass das 4. Quartal 2019 den zyklischen Tiefpunkt markiert hat und der BIP-Zuwachs schon im 1. Quartal 2020 wieder höher ausfällt. Dafür spricht auch, dass der ifo-Index für das verarbeitende Gewerbe und das von der EU-Kommission erhobene Industrievertrauen das positive Signal des Einkaufsmanagerindex für die Industrie im Januar bestätigt haben.

Getrieben vom starken Anstieg des Industrievertrauens legte das Wirtschaftsvertrauen der EU-Kommission für die Euro­zone ebenfalls unerwartet deutlich um 1,3 auf 102,8 Punkte zu. Wir gehen derzeit davon aus, dass die Auswirkungen der Coronavirus-Krise den Aufschwung in der Eurozone im ungünstigsten Fall verzögern, nicht aber abwürgen werden. Die Finanzmärkte hat das Coronavirus allerdings aktuell fest im Griff. Auf die Ausbreitung der Grippe reagierten die Aktienmärkte mit deut­lichen Abschlägen; die sicheren Häfen wie Gold und Staatsanleihen bester Bonität (Deutschland, Schweiz, USA) waren dagegen heiss begehrt. Langfristig haben schwere Grippewellen für die Finanzmärkte indes den Charakter von »Naturkatastrophen«.

Orientiert man sich an der SARS-Pandemie von 2003, dürfte die Weltwirtschaft einerseits einen sichtbaren Rückschlag erleiden, sich andererseits aber auch schnell wieder erholen und bereits ab dem 2.  Quartal in einen Aufwärtstrend einschwenken.

Der Finanzmarktausblick bleibt somit im aktuellen Umfeld zweigeteilt. Solange der steile Aufwärtstrend bei der Zahl der mit dem Coronavirus infizierten Personen anhält, dürfte die Unsicherheit an den Finanzmärkten fortbestehen und den sicheren Häfen in die Hände spielen. Sobald aber Licht am Ende des Tunnels sichtbar wird, sollte die Risk-on-Stimmung zurückkehren. Dies sollte mittelfristig vor allem die Aktienmärkte erneut beflügeln und zu einer Verringerung der Risikoaufschläge bei Unternehmensanleihen führen. Umgekehrt werden die jüngsten Kursgewinne bei hochqualitativen Staatsanleihen nicht von Dauer sein und die Renditen mittelfristig wieder anziehen.

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