Kommentar
18. Mai 2020

Gute Chancen, dass der Handelskonflikt nicht erneut eskaliert

Die US-Regierung holte in der vergangenen Woche einmal mehr zu einem Rundumschlag gegenüber China aus. So liess Donald Trump verlauten, Peking hätte nicht nur beim Umgang mit der Coronavirus-Pandemie enormen Schaden angerichtet, sondern auch seinen grossartigen Handelsdeal unterwandert. Man könne daher durchaus überlegen, den gesamten Handel mit dem Reich der Mitte zu beenden. Einen Vorgeschmack auf diese Drohung schien dann einen Tag später das Handelsministerium zu geben. Es wurde eine neue Anordnung erlassen, wonach dem chinesischen Netzwerkausrüster Huawei der Zugang zu IT-Komponenten basierend auf US-amerikanischer Technologie noch weiter erschwert wird.

Ist die US-Regierung also tatsächlich auf dem Weg, den Handelskonflikt mit China erneut hochkochen zu lassen? Für die Aktienmärkte wäre das zweifelsohne eine beunruhigende Entwicklung. Sofort werden Erinnerungen an das 4. Quartal 2018 wach, als die Eskalationsspirale zwischen Washington und Peking die Börsen rund um den Globus auf Talfahrt schickte.

Nach unserer Einschätzung ist die aktuelle Lage aber nicht mit 2018 zu vergleichen. Damals befand sich die US-Wirtschaft auf einem robusten Wachstumspfad und konnte die aus dem Handelsstreit resultierenden Belastungen relativ gut verkraften. Heute befinden sich die USA hingegen in der schwersten Rezession seit Jahrzehnten. Zusätzliche Verunsicherung vonseiten des Aussenhandels sind in diesem Umfeld nicht mehr so leicht wegzustecken, sondern bergen das Risiko einer Verschärfung der Rezession. Nicht zuletzt auch deswegen, weil die US-Notenbank inzwischen fast ihr gesamtes Pulver verschossen hat und daher nicht mehr wie 2018 in die Bresche springen kann.

Das ist für sich genommen schon ein Problem für die US-Regierung. Kurz vor der Präsidentschaftswahl ist diese Situation für Trump aber besonders kritisch. Schliesslich ist eine abstürzende Wirtschaft für jeden Präsidenten, der sich zur Wiederwahl gestellt hat, eine massive Bürde gewesen. Auch für den derzeitigen Amtsinhaber sind die Vorzeichen alles andere als günstig. Laut dem Meinungsforschungsinstitut Gallup ist sein Zustimmungswert in der Bevölkerung gut ein halbes Jahr vor dem Wahltag mit 46% so niedrig, wie bei keinem seiner drei Vorgänger, die sich um eine zweite Amtszeit beworben hatten. Ein Konfrontationskurs gegenüber China, der die Wirtschaft massiv unter Druck bringt, verbietet sich folglich trotz aller Wahlkampftaktik eigentlich von selbst.

Das scheint auch Washington bewusst zu sein. So hat das Handelsministerium die Beschränkungen bei der Belieferung Huaweis mit einer viermonatigen Einspruchsfrist für Unternehmen versehen und damit faktisch zunächst einmal ausgesetzt. Wir sehen darin ein klares Signal, dass Trump trotz allem Wahlkampfgetöse die Situation nicht eskalieren lassen will. Ausserdem setzt China durchaus Zeichen, seinen Verpflichtungen aus dem Handelsdeal nachkommen zu wollen. So wurden im 1. Quartal dieses Jahres die Importe von Sojabohnen aus den USA gegenüber den ersten drei Monaten 2019 bereits mehr als vervierfacht und erst kürzlich hat Peking die Bestellungen nochmals erhöht.

Alles in allem sind wir daher zuversichtlich, was den Handelskonflikt angeht. China wird während des Präsidentschaftswahlkampfs in den USA zwar zweifelsohne in der Schusslinie bleiben. Nicht zuletzt deshalb, weil mit der Ausbreitung des Coronavirus immer grössere Teile der US-Bevölkerung kritisch gegenüber dem Reich der Mitte eingestellt sind. Für Volatilität an den Finanzmärkten wird folglich von dieser Seite gesorgt sein. Gleichwohl dürfte Trump den Bogen nicht überspannen, da auch er weiss, dass die wirtschaftliche Erholung – und damit seine zweite Amtszeit – sonst ernsthaft gefährdet werden. Risikoassets sollte daher eine Wiederholung des Absturzes von Ende 2018 erspart bleiben. Im Zuge einer sich fortsetzenden Eindämmung der Coronavirus-Pandemie rechnen wir vielmehr mit einer schrittweisen Aufhellung des Sentiments.

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