Kommentar
27. Juli 2020

Fiscal Cliff und Infektionsgeschehen sorgen für Unruhe

Die weltwirtschaftlichen Risiken haben in den vergangenen Tagen wieder zugenommen. In den USA, Südamerika, Indien und grossen Teilen Afrikas wütet das Coronavirus unverändert heftig. Neu ist jedoch, dass auch einige Regionen, die das Infektionsgeschehen bereits unter Kontrolle hatten (unter anderem Japan, Australien, Israel), wieder steigende Fallzahlen vermelden. Schliesslich sind sogar im mustergültigen Europa Tendenzen für eine Zunahme der Ansteckungsgefahr beobachtbar, die unter anderem auf die anziehende Reisetätigkeit zurückzuführen sind.

Darüber hinaus laufen die USA wieder einmal auf eine Fiskalklippe zu. Teilweise ist das Kind bereits in den Brunnen gefallen. Seit Ende März werden Arbeitslose in den USA wöchentlich mit zusätzlich 600 USD unterstützt. Diese Hilfen wurden bislang nicht über den 31. Juli hinaus verlängert. Die Republikaner wollen die Zuschüsse kürzen, weil sich viele Arbeitslose derzeit besserstellen als vor der Krise. Die Demokraten fordern die unveränderte Fortführung der Hilfen. Kommt in den nächsten zwei Wochen keine Einigung zustande, geht der Kongress in die Sommerpause.

Angesichts dieser Unsicherheiten droht der weltwirtschaftlichen Erholung, die gerade Fahrt aufgenommen hat, ein Rückschlag. Gleiches gilt für den Aufwärtstrend bei Aktien. Wie gravierend ist der Gegenwind jedoch?

Mit Blick auf das Pandemie-Geschehen in den USA bleibt abzuwarten, ob die Aussetzung der Lockerungen und die vorsichtige Wiedereinführung von Restriktionen genügen, um die Trendwende herbeizuführen. Erste Hoffnungsschimmer gibt es in Arizona und Florida. In Europa bewegen sich die Infektionszahlen trotz der jüngsten Anstiege immer noch auf tiefem Niveau. Hier könnte es ausreichen, die Tests an Flughäfen auszuweiten und gegen Menschenansammlungen in Clubs und Bars konsequenter als bislang vorzugehen. Ein erneuter scharfer Lockdown, der die gesamte Wirtschaft komplett lahmlegt, erscheint aus heutiger Sicht nach wie vor unwahrscheinlich.

Beim Disput im US-Kongress liegen die Streitparteien gar nicht so weit auseinander. Klar ist, dass ein neues Fiskalpaket kommen muss, lediglich um die Höhe der neuen Hilfen wird gerungen. Die Demokraten streben bis zu drei Billionen USD zusätzliche Ausgaben an, die Republikaner wollten das Ganze zunächst auf eine Billion USD begrenzen. Keiner wird jedoch am Ende die Verantwortung für ein ersatzloses Auslaufen der Programme tragen wollen. Neue Vorschläge zur Schlichtung liegen bereits auf dem Tisch.

Generell gilt, dass die Geld- und Fiskalpolitik in den entwickelten Volkswirtschaften noch nicht das Handtuch geworfen hat. Vielmehr sind die Entscheidungsträger weiterhin Willens – wenn notwendig – nachzulegen. In der ersten Runde ist es damit gelungen, Masseninsolvenzen und Einkommensverluste abzuwenden. Dies spiegelt sich etwa in den Einzelhandelsumsätzen in Europa und den USA wider, die im Juni vielerorts höher lagen als im Februar. Die Flexibilität der Konsumenten sollte dabei nicht unterschätzt werden. Geringere Ausgaben für die Reisetätigkeit werden an anderer Stelle kompensiert (z.B. in Möbelhäusern oder Elektromärkten).

In Anbetracht dessen gehen wir nach wie vor davon aus, dass sich die weltwirtschaftliche Erholung übergeordnet fortsetzt. Nichtsdestotrotz sind die aktuellen Risiken beträchtlich. In der Asset Allocation erscheint daher eine neutrale Positionierung mit der Tendenz zu Risk-on weiter angebracht.

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