Kommentar
3. Februar 2020

Das Coronavirus bringt die Weltwirtschaft ausser Tritt, aber nicht zu Fall

Immer deutlicher zeichnet sich ab, dass die wirtschaftlichen Folgen des Coronavirus schwerwiegender sind als zunächst gedacht und wohl auch gravierender ausfallen als beim SARS-Virus vor 17 Jahren. Dies liegt zum einen an der mit grosser Geschwindigkeit in die Höhe schnellenden Zahl an Infizierten – allein über das Wochenende kamen weitere 6.000 Fälle hinzu. Zum anderen an den drastischen Massnahmen der chinesischen Regierung. In dieser Woche stehen – im wahrsten Sinne des Wortes – die Bänder in weiten Teilen Chinas still und damit länger als es aufgrund des Neujahrsfests geplant war. Darüber hinaus ist zu befürchten, dass es dabei nicht bleibt, sondern ein Grossteil des Februars von Produktionseinschränkungen betroffen ist.

Schon rechnen auch Firmen ausserhalb Chinas mit einer Beeinträchtigung bei der Fabrikation ihrer Waren. Vor allem für die Technologiebranche ist das Reich der Mitte – etwa bei der Chipherstellung – eine globale Drehscheibe. Darin zeigt sich ein weiterer Faktor: China ist heute weit bedeutungsvoller für die Weltwirtschaft als zu Zeiten von SARS.

In Anbetracht dessen dürfte das 1. Vierteljahr 2020 weltwirtschaftlich zu einem der schwächsten Quartale seit der Finanzmarktkrise werden. Entsprechend ist nachvollziehbar, dass die Finanzmärkte erst einmal in Deckung gehen und mit einer Flucht in die sicheren Häfen reagieren. Hinterlässt das Coronavirus aber auch langfristig negative Spuren in der globalen Konjunktur und an den Finanzmärkten? Dazu müsste die Epidemie nachhaltig die Ertragsperspektiven der Unternehmen dämpfen.

Dies könnte der Fall sein, wenn das Coronavirus noch über Monate wütet und auf andere Länder in grossem Ausmass übergreift. Ein solches Szenario wollen wir nicht ausschliessen. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass die Epidemie den Verlauf einer gewöhnlichen Grippewelle nimmt und somit spätestens im April/Mai abebbt. Im Frühsommer sollten die Produktionsbedingungen damit wieder vollkommen normal sein. Mehr noch, es ist davon auszugehen, dass es zu umfangreichen Nachholeffekten kommt.

Eine andere Möglichkeit ist, dass die Grippewelle auf eine ohnehin fragile Weltwirtschaft trifft und damit nur den letzten Auslöser für eine globale Rezession darstellt. Zweifellos ist die Weltwirtschaft 2019 ins Trudeln geraten. Dies lag jedoch vor allem an der Zuspitzung des Handelsstreits und hier ist es zuletzt – dank des Phase-1-Abkommens – zu einer Beruhigung gekommen. Ansonsten sind keine grösseren weltwirtschaftlichen Verwerfungen auszumachen. Im Gegenteil, die Geld- und Fiskalpolitik ist global expansiv ausgerichtet und Anfang 2020 gab es zahlreiche Indizien für eine Belebung in den europäischen und asiatischen Volkswirtschaften.

Unser Basisszenario bleibt daher, dass sich die Weltwirtschaft im Frühjahr wieder fängt und an den vielversprechenden Jahresauftakt anknüpft. Damit hätten vor allem die Aktienmärkte ein gutes Argument, um durch die aktuelle Krise hindurchzusehen. Neue Zuversicht dürfte speziell dann aufkommen, wenn die Zahl der Infizierten in langsamerem Tempo ansteigt. Die Rückkehr des Risikoappetits wird sich gleichzeitig negativ auf die sicheren Häfen auswirken. Allerdings könnte den hochqualitativen Staatsanleihen einmal mehr die Geldpolitik zur Hilfe eilen. Kommen die Notenbanken zum Schluss, dass die Gefahren für die Weltwirtschaft (aus dem Coronavirus) nicht zu vernachlässigen sind, werden sie erneut agieren und somit die aktuelle Spekulation auf weitere Leitzinserwartungen bestätigen. Dies würde den Renditeanstieg in den nächsten Monaten zumindest dämpfen.

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