Analyse
27. Mai 2019

Zuspitzung im Handelsstreit nur vorübergehender Belastungsfaktor für Finanzmärkte

Die Ergebnisse der Europawahl haben vieles bestätigt, was eigentlich schon längst bekannt war: Die Unzufriedenheit der Wähler mit den grossen etablierten Parteien, die Zugkraft populistischer bzw. nationalistischer Parolen sowie das wachsende Bewusstsein zumeist der jungen Generation für drängende Umweltprobleme, um nur einige Aspekte zu nennen. Ob sich daraufhin in der Politik etwas Grundlegendes ändert, ist jedoch zu bezweifeln. An den Finanzmärkten jedenfalls dürfte der Wahlausgang kaum grössere Bewegungen nach sich ziehen – selbst der klare Wahlsieg Matteo Salvins in Italien sollte keine grossen Wellen schlagen.

Wichtiger als die politischen Turbulenzen ist für die Investoren derzeit eine andere Frage. Können in der Eurozone die zuletzt zu beobachtenden zarten Pflänzchen einer konjunkturellen Erholung weiterwachsen und aufblühen, oder gehen sie unter dem Druck des neuauflebenden Handelskonflikts wieder ein. Hier scheinen sich die Fronten zwischen den Hauptakteuren immer mehr zu verhärten. So hat sich Chinas Staatspräsident Xi Jinping durch die jüngsten Zollerhöhungen Donald Trumps nicht einschüchtern lassen, sondern die Bevölkerung zu einem neuen »langen Marsch« aufgerufen – ein Zeichen, dass Peking nicht so schnell klein beigeben, sondern auf Konfrontationskurs gehen will.

Mit der Verschärfung des Konflikts könnte sich aber die Entwicklung des vergangenen Jahres wiederholen. Damals sorgte in China – und auch in der Eurozone – der Handelskonflikt für massive Verunsicherung und entsprechend spürbare konjunkturelle Dämpfer. Den USA hingegen schienen die Streitigkeiten nichts anhaben zu können – das Wirtschaftswachstum legte nahezu ununterbrochen zu.

Wir halten eine Neuauflage dieses Szenarios indes für unwahrscheinlich. Zum einen profitierten die USA im vergangenen Jahr von umfangreichen fiskalischen Stimuli, die jetzt jedoch auslaufen. Zum anderen gehen von den vergangenen Zinserhöhungen der US-Notenbank mit der üblichen Zeitverzögerung immer grössere Bremswirkungen auf die Investitionsnachfrage aus – der Trend ist hier inzwischen klar abwärtsgerichtet. Beides zusammen wird dafür sorgen, dass die Wachstumsdynamik in den USA im weiteren Jahresverlauf spürbar nachlässt. In diesem Umfeld kann Trump nicht mehr aus der Position der Stärke mit seinen Rivalen verhandeln. Zusätzliche Verunsicherung durch langwierige Handelsstreitigkeiten kann sich die US-Wirtschaft nicht leisten. Der US-Präsident sollte daher schon bald sanftere Töne gegenüber Peking anschlagen.

Unter dieser Voraussetzung stehen die Chancen gut, dass sich in China die gerade beginnende wirtschaftliche Erholung nach einer lediglich kurzen Verunsicherungsphase fortsetzt und festigt. Die Stimuli der vergangenen Quartale werden mehr und mehr die gewünschte Anschubwirkung entfalten. Für die Eurozone bedeutet das neuen Rückenwind vom Aussenhandel. Zusammen mit einer expansiveren Fiskalpolitik dürfte folglich das Wirtschaftswachstum in der Währungsunion nach der Durststrecke im vergangenen Jahr wieder anziehen.

Letztlich wird es mithin früher oder später zu einem Rollentausch kommen. Die US-Wirtschaft verliert an Schwung, während China und Europa Fahrt aufnehmen. Damit ändern sich aber auch die Vorzeichen an den Finanzmärkten. Nachdem die US-Aktienmärkte im vergangenen Jahr outperformen konnten, werden sie im weiteren Jahresverlauf unter wachsenden Druck geraten. Europäische Aktien werden hingegen nach dem jüngsten Durchhänger im Gegenzug erneut zulegen. Spiegelbildlich dürften EUR-Staatsanleihen in raueres Fahrwasser gelangen, wohingegen Tresauries von der schwächeren US-Wirtschaft gestützt werden.

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