Analyse
9. August 2019

Wirtschaft in den USA lahmt

Die amerikanische Konjunktur kriselt und kann keinen verschärften Handelskonflikt gebrauchen. Das dürfte auch Donald Trump erkennen. Wenn er einlenkt, können sich in Europa und China die Wachstumskräfte entfalten.

Rund fünf Wochen hat der Ende Juni von den USA und China geschlossene Waffenstillstand im Handelskonflikt gehalten. Anfang August kündigte Trump trotz laufender Verhandlungen völlig unvermittelt neue Zölle an. Bislang unbelastete chinesische Importe im Umfang von rund 300 Mrd. USD sollen ab September mit einer 10%igen Einfuhrabgabe belegt werden. Grund: mangelndes Entgegenkommen Pekings.

Mit den jüngsten Zolltiraden Trumps ist das Risiko zusätzlicher Belastungen für die chinesischen Exporteure und damit die gesamte Wirtschaft gestiegen. Allerdings bekämen auch die USA die neuen Handelshemmnisse empfindlich zu spüren. Denn anders als bei den bislang mit Einfuhrabgaben belasteten Gütern (zumeist Vorprodukte und Investitionsgüter) würden sich nämlich jetzt auch Konsumgüter wie etwa Smartphones und Laptops verteuern. Mithin würden primär US-Konsumenten stärker in Mitleidenschaft gezogen – und damit die Wähler.

Schlechte Stimmung bei den Wählern kann aber nicht in Trumps Interesse sein. Für eine erneute Deeskalation im Handelsstreit spricht ausserdem, dass sich die US-Wirtschaft nicht mehr in einer so robusten Verfassung befindet wie noch vor wenigen Monaten. Das zeigt eine Reihe an Konjunkturindikatoren, die auf breiter Front zurückgehen. So gab der ISM-Einkaufsmanagerindex der Industrie im Juli erneut nach und rutschte mit 51,2 nach 51,7 Punkten auf den tiefsten Stand seit knapp drei Jahren. Eine Wende zum Besseren dürfte nach unseren weiter vorauslaufenden Frühindikatoren frühestens zum Jahreswechsel einsetzen. Auch der US-Arbeitsmarkt offenbart mehr und mehr Konditionsprobleme. Die Zahl der neu besetzten Stellen lag im Durchschnitt der vergangenen sechs Monate nur noch bei 141.000. Das ist der tiefste Wert seit rund sieben Jahren.

Alles in allem zeigt sich, dass die US-Wirtschaft im Zuge der ausklingenden Fiskalstimuli und der verzögerten Bremswirkungen durch die vergangenen Zinserhöhungen 2019 spürbar an Schwung verliert. Und jetzt kommt auch noch die Verunsicherung durch den Zollstreit hinzu. Die Fed versucht zwar, mit Zinssenkungen gegenzusteuern – gegen einen ausgewachsenen Handelskrieg kann aber auch die Geldpolitik nichts ausrichten. Donald Trump wird es in diesem Umfeld immer schwerer fallen, seinen Kurs der permanenten Zollandrohungen durchzuhalten. Deshalb sehen wir gute Chancen, dass sich die Lage beim US-chinesischen Handelsstreit in den kommenden Wochen wieder beruhigt.

Dann würden die übergeordneten Konjunkturperspektiven für das Reich der Mitte freundlich bleiben. Die neusten Industrie-Einkaufsmanagerumfragen für Juli zeigen bereits jetzt, dass die Wachstumsdynamik langsam anzieht. So legte sowohl das Barometer des Statistikamtes (49,7 nach 49,4 Punkten) als auch der Index von Markit zu (49,9 nach 49,4 Punkten). Kurzfristig könnte die Unternehmensstimmung durch die jüngste Eskalation beim Handelsstreit zwar unter Druck bleiben. Wenn der Konflikt aber wieder in den Hintergrund tritt, dürften die verschiedenen staatlichen Stützungsmassnahmen (Ankurbelung der Kreditvergabe, Förderung von Infrastruktur­Investitionen, Steuersenkungen etc.) mittelfristig mehr und mehr Impulse entfalten, sodass sich die Konjunktur wieder belebt.

In der Eurozone ist das Bruttoinlandsprodukt im 2. Quartal um 0,2% gegenüber dem Vorquartal gewachsen. So ergibt sich für das 1. Halbjahr nun ein durchschnittliches Quartalsplus von 0,33% bzw. 1,3% aufs Jahr hochgerechnet. Damit expandierte die Wirtschaft stärker als im 2. Halbjahr 2018. Während der Anstieg in Frankreich im 2. Quartal mit 0,2% leicht hinter den Erwartungen zurückblieb, fiel das Ergebnis in Italien und voraussichtlich auch in Deutschland (Zahlen gibt es erst am 14. August) besser aus als gedacht.

Der Grund dafür könnte in einem unerwartet robusten Konsum liegen. Den neusten Daten zufolge setzte der deutsche Einzelhandel im Juni real so viel um wie nie zuvor. Gegenüber Mai betrug das Plus 3,5% – der stärkste Anstieg seit Dezember 2006 (siehe Grafik rechts unten). Getrieben durch diese aussergewöhnlich gute Entwicklung in Deutschland legte der Einzelhandel in der Eurozone im Juni ebenfalls kräftig zu – laut Eurostat um 1,1% gegenüber dem Vormonat. Auffällig ist unter den Länderdaten der Zuwachs in Italien um 1,3%. Sowohl in Deutschland als auch in Italien dürfte es somit der private Konsum gewesen sein, der im 2. Quartal das Schlimmste verhindert hat.

Wichtiger als der Blick zurück sind aber die stark verbesserten Aussichten für das laufende Quartal. In Deutschland starten die realen Einzelhandelsumsätze mit einem Überhang von 1,7% ins 3. Vierteljahr. In Italien und der Eurozone sind es jeweils 0,6%. Wir sehen uns damit in unserer Einschätzung bestätigt, dass die seit gut einem Jahr anhaltende Schwäche im verarbeitenden Gewerbe nicht auf Probleme mit der Binnen-, sondern mit der Auslandsnachfrage zurückgeht. Jüngste Belege für den exportgetriebenen Abschwung in der Industrie lieferte der Index zum Industrievertrauen der EU-Kommission. Er sackte im Juli erneut um 1,8 auf -7,4 Punkte ab. In Deutschland sank das Barometer um 3,5 Punkte. In Frankreich (-1,6 Punkte) und Italien (-0,4 Punkte) fiel das Minus deutlich kleiner aus, in Spanien und den Niederlanden gab es sogar ein Plus. Dank der robusten Binnennachfrage gehen wir aber – trotz der Industrieschwäche – davon aus, dass der BIP-Anstieg im 3. Quartal wieder etwas grösser ausfällt als im 2. Quartal (+0,3% bis +0,4%). Im 4.  Quartal halten wir eine nochmalige Steigerung für plausibel. Dies hängt allerdings vom weiteren Verlauf der Handelsstreitigkeiten ab.

An den Finanzmärkten kann aktuell von einem Sommerloch keine Rede sein. Aus einer Vielzahl gemischter konjunktureller Nachrichten pickten sich die Börsianer zuletzt vor allem die negativen heraus, wie den schwachen US-Einkaufsmanagerindex. Vor allem die Trump’schen Zollankündigungen sorgten dann endgültig für ein Risk-off-Umfeld. Wie bereits Anfang Mai schlugen die erneuten Zolldrohungen des US-Präsidenten an den Finanzmärkten wie eine Bombe ein. Schliesslich hat die Eskalation des Handelskonflikts nach einhelliger Meinung in den vergangenen Monaten massgeblich die globale Industriekonjunktur belastet, was zusammengenommen den Notenbanken zuletzt als Hauptargument für ihre Kehrtwende in der Geldpolitik gedient hatte.

Mit den Aktienkursen und den Renditen der sicheren Häfen ging es in diesem Umfeld abwärts. Unsere eigenen Frühindikatoren legen jedoch weiterhin eine konjunkturelle Belebung in der Eurozone und in China nahe. Weil diese Signale derzeit durch den Handelskonflikt ausgehebelt werden, sollten vorerst in den Portfolien die Risiken begrenzt werden. Bei positiven Botschaften von den Handelsgesprächen dürfte aus unserer Sicht die Risk-on-Stimmung aber schnell zurückkehren. Auf mittlere Sicht halten wir daher daran fest, dass die Renditen hochqualitativer Staatsanleihen in einen Aufwärtstrend einschwenken werden und Risikoassets gefragt bleiben.

Projektionen der EZB vom September 2019

Quelle: EZB, *Jahresdurchschnitt, Mittelwert, in Klammern Projektionen vom Juni 2019

Der weniger günstige Ausblick spiegelte sich nicht zuletzt in den neuen Projektionen der EZB wider (vgl. Tabelle). Auffallend ist hier vor allem die scharfe Abwärtsrevision der Inflationsprognose des Jahres 2020 von 1,4% auf 1,0%. Dafür ist nicht allein eine Korrektur der Ölpreisprognose verantwortlich. Auch der Aufwärtstrend bei der Kerninflation wurde erkennbar nach unten angepasst. Die Sorge um die Inflationsentwicklung hat die EZB damit mehr als deutlich zum Ausdruck gebracht.

Ob die EZB schon bald mit weiteren Lockerungsmassnahmen nachlegen will, liess Draghi offen. Wir wollen eine weitere Leitzinssenkung um 10 Bp in diesem Jahr nicht ausschliessen. Vieles spricht indes dafür, dass es sich beim jüngsten Massnahmenpaket um ein »one and done« handelt. Aus unserer Sicht wird sich die Konjunktur der Eurozone nicht weiter eintrüben, sondern spätestens zum Jahresende eine erkennbare Belebung einsetzen. Der Druck auf die EZB, weitere Stimulierungsmassnahen zu ergreifen, sollte daher nachlassen.

Auch wenn mit den ersten Leitzinserhöhungen erst im Jahr 2021 zu rechnen ist, werden die Anleihenmärkte diese schon weit im Voraus antizipieren. Entsprechend dürfte es bereits in den nächsten Monaten vor allem am langen Ende zu Renditesteigerungen bei Bundesanleihen kommen.

Rechtlicher Hinweis

Die in diesem Beitrag gegebenen Informationen, Kommentare und Analysen dienen nur zu Informationszwecken und stellen weder eine Anlageberatung noch eine Empfehlung oder Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Anlageinstrumenten dar. Die hier dargestellten Informationen stützen sich auf Berichte und Auswertungen öffentlich zugänglicher Quellen. Obwohl die Bantleon Bank AG der Auffassung ist, dass die Angaben auf verlässlichen Quellen beruhen, kann sie für die Qualität, Richtigkeit, Aktualität oder Vollständigkeit der Angaben keine Gewährleistung übernehmen. Eine Haftung für Schäden irgendwelcher Art, die sich aus der Nutzung dieser Angaben ergeben, wird ausgeschlossen. Die Wertentwicklung der Vergangenheit lässt keine Rückschlüsse auf die künftige Wertentwicklung zu.