Analyse
4. November 2019

Wachsendes Unbehagen der Notenbanken gegenüber Niedrigzinsen

Nachdem die Notenbanken in den Sommermonaten weltweit nochmals aufs Gaspedal gedrückt haben, kehrt zum Jahresende zunehmend Ruhe ein. Die Fed hat zwar die Leitzinsen am vergangenen Mittwoch erneut gesenkt. US-Notenbankpräsident Jerome Powell hat aber klar zum Ausdruck gebracht, dass die Fed nunmehr eine Pause einlegen will.

Unterdessen war die EZB im Oktober hauptsächlich mit der Verabschiedung von Mario Draghi und der Verteidigung der im September lancierten Massnahmen beschäftigt (Zinssenkung auf -0,50%, Wertpapierkäufe in Höhe von 20 Mrd. EUR pro Monat ab November). Der Gedanke an zusätzliche monetäre Stimuli ist gar nicht erst aufgekommen, obwohl sich das makroökonomische Umfeld weiter eingetrübt hat und die Inflation rückläufig war. Innerhalb des EZB-Rats hat sich jedoch wachsender Widerstand gegen eine noch expansivere Politik formiert.

Dass die Hürden für weitere Impulse der Geldpolitik derzeit hoch sind, zeigt sich auch in Japan und der Schweiz. Die Bank of Japan ist weiter denn je von ihrem Inflationsziel entfernt und die japanische Konjunktur hat sich zuletzt ebenfalls eingetrübt. Im Rahmen der jüngsten Notenbanksitzung wäre daher eine Leitzinssenkung von -0,10% auf -0,20% plausibel gewesen. Die Notenbanker beliessen es aber dabei, lediglich ihre Bereitschaft für weitere Zinssenkungen zu bekräftigen.

Einen ähnlichen Kurs fährt die Schweizerische Nationalbank. Im September wurde die SNB nicht nur von der EZB unter Druck gesetzt, sondern sah sich gleichzeitig gezwungen, ihre Inflationsprognose abzusenken. Trotz dieser Steilvorlage schreckten die Währungshüter davor zurück, den Leitzins (derzeit ‑0,75%) noch tiefer ins negative Terrain zu führen.

In Schweden ging die Notenbank Ende Oktober sogar einen Schritt weiter. Sie hielt an ihrem Plan fest, den Leitzins im Dezember von -0,25% auf 0,00% anzuheben, obwohl die Inflations- und Wachstumsprognosen leicht nach unten korrigiert wurden. Laut Notenbankchef Stefan Ingves ist die Zeit reif, das Experiment mit den Negativzinsen zu beenden.

Allgemein hat das Unbehagen gegenüber der Niedrigzinspolitik in den vergangenen Wochen zugenommen. Die Stimmen werden lauter, die auf die nachteiligen Nebenwirkungen (Vermögensblasen, Fehlallokationen, Ertragsprobleme bei Banken etc.) hinweisen, je länger die Periode der Negativzinsen anhält. Die Notenbanken sind daher zunehmend bereit, Verfehlungen beim Inflationsziel zu akzeptieren. Parallel nehmen die Hilferufe zu, die eine Unterstützung durch die Fiskalpolitik fordern.

Sieht man von der Sveriges Riksbank ab, ist es indes noch zu früh, von einer generellen Kehrtwende der Notenbankpolitik zu sprechen. Die Währungshüter werden aber künftig jede Gelegenheit beim Schopfe packen, um aus der ultraexpansiven Geldpolitik auszusteigen. Wir sind zuversichtlich, dass es nächstes Jahr in diese Richtung geht. Dann sollte sich die Konjunktur weltweit – und speziell in Europa – erholen. Damit wäre der Boden bereitet, dass die EZB ihr QE-Programm 2020 einstellt und Vorbereitungen für Leitzinserhöhungen im Jahr 2021 trifft. Die Renditen an den Anleihenmärkten werden dies vorwegnehmen und bereits 2020 erkennbar anziehen. Alles in allem sprechen somit nicht nur konjunkturelle, sondern auch strukturelle Gründe dafür, dass der Tiefpunkt bei den Renditen im Sommer dieses Jahres durchschritten wurde.

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