Analyse
17. Juni 2019

»Risikoassets« oder »sichere Häfen« – wer behält am Ende die Oberhand?

Einmal mehr sorgt die Geldpolitik für gute Stimmung an den Finanzmärkten. Die zuletzt von zahlreichen Notenbanken (darunter Fed und EZB) signalisierte Bereitschaft, weitere expansive Massnahmen zu ergreifen, ist an den Börsen gut angekommen. Nahezu sämtliche Assetklassen befinden sich seit Anfang Juni im Aufwind.

Die weltweiten Aktienmärkte haben rund 4% zugelegt und damit zwei Drittel der Verluste vom Mai wettgemacht. Ähnlich sieht es bei den Risikoprämien von Unternehmensanleihen aus, die nach den Rückschlägen des vergangenen Monats wieder Boden gut gemacht haben. Noch überraschender ist sicherlich die Rallye bei italienischen Staatsanleihen, deren Spreads (bei 10-jähriger Laufzeit) sich in kürzester Zeit von knapp 290 auf unter 260 Bp verringert haben.

Aber auch hochqualitative Staatsanleihen haben von der Aussicht auf weitere Leitzinssenkungen profitiert. Die Renditen 10-jähriger Bundesanleihen sind in den vergangenen Tagen auf neue Allzeit-Tiefststände gefallen. Treasuries rentieren unterdessen so niedrig wie seit knapp zwei Jahren nicht mehr. Schliesslich hat selbst der Goldpreis zwischenzeitlich den höchsten Stand seit April 2018 erklommen.

Die Investoren in Risikoassets setzen offensichtlich darauf, dass die Notenbanken genügend Feuerkraft besitzen, um die Weltwirtschaft durch die Untiefen des Handelsstreits zu manövrieren. Dank der geldpolitischen Unterstützung sollte das globale Wachstum demnach zumindest robust bleiben.

Wer jetzt Treasuries oder Bundesanleihen kauft, hat hingegen ein ganz anderes Szenario vor Augen. In den USA sind mittlerweile vier Leitzinssenkungen bis Ende 2020 eingepreist. So weit würde die Fed aber nur bei einem veritablen Abschwung mit Rezessionsrisiko gehen. Ähnlich sieht es bei der EZB aus. Hier sind bis Mitte 2020 knapp zwei Schritte (um 10 Bp) eskomptiert. Angesichts des absehbaren Aufschreis in Deutschland dürfte den Währungshütern aber bereits eine Leitzinssenkung von -0,40% auf -0,50% schwerfallen.

Aus unserer Sicht kann es am Ende des Jahres nur einen »Gewinner« an den Finanzmärkten geben – entweder Risikoassets oder die sicheren Häfen. Eine Aufwärtsbewegung beider Assetklassen ist auf Dauer kaum vorstellbar.

Verwandelt sich der Handelsstreit tatsächlich in einen Handelskrieg, d.h. mit maximalen Strafzöllen auf beiden Seiten des Pazifiks (USA und China) sowie US-Strafzöllen auf Autos, würde dies der Weltwirtschaft einen schweren Schlag versetzen. Allein mit der Geldpolitik ist dem nicht beizukommen, zumal es sich um einen realwirtschaftlichen Schock und keine Finanzkrise handeln würde. Wie oben angedeutet, ist das Pulver der Geldpolitik überdies bereits weitgehend verschossen. Wenn die Weltwirtschaft aber in eine Rezession abrutscht, wird es auch bei Risikoassets zu einem »Blutbad« kommen.

Sollte der Handelskonflikt jedoch abflauen (aus unserer Sicht das wahrscheinlichere Szenario) und sich die Parteien auf einen Kompromiss einigen, gilt genau das Gegenteil. Dann hellen sich zumindest die konjunkturellen Perspektiven in Asien und Europa spürbar auf. Mithin kämen die fundamental günstigen Rahmenbedingungen voll zum Tragen. In der Folge dürften auch die Notenbanken erneut eine Kehrtwende vollziehen. Die Leitzinssenkungserwartungen würden ausgepreist und entsprechend die Renditen nach oben katapultiert.

Für den Portfolio-Manager ist dies ein herausforderndes Umfeld. Kurzfristig sollte er noch die sicheren Häfen im Blickfeld behalten. Mittelfristig muss er aber zum Ausstieg bereit sein. Wir rechnen zum Jahresende mit deutlich höheren Bund-Renditen.

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