Analyse
11. Juni 2019

Notenbanken lassen sich von Trump vor den Karren spannen

Überraschend warteten die Aktienmärkte in der vergangenen Woche mit einer beeindruckenden Performance auf. In den USA konnte unter anderem der S&P500 mit +4,4% das zweitbeste Wochenplus seit 2½ Jahren verbuchen. Das gute Ergebnis verwundert vor allem deswegen, weil das fundamentale Umfeld alles andere als rosig ist. So hatte zunächst Donald Trump eine neue Front im Handelskrieg eröffnet, indem er Mexiko Strafzölle um bis zu 25% androhte. Daneben kamen vor allem in den USA von konjunktureller Seite lauter Hiobsbotschaften. Der prominente ISM-Einkaufsmanagerindex der Industrie rutschte auf den tiefsten Stand seit 2½ Jahren und spiegelt eine immer weiter nachlassende Wachstumsdynamik wider. In die gleiche Richtung deutet der jüngste US-Arbeitsmarktbericht, der mit einem mageren Stellenzuwachs von 75.000 selbst die pessimistischsten Analystenschätzungen unterbot.

Dass sich Aktien dennoch im Aufwind befanden, lag zu einem grossen Teil an den Notenbanken bzw. den Erwartungen, die sich an die Währungshüter richteten. Fed-Präsident Jerome Powell meldete sich zwar nur kurz zu Wort. Mit dem Wenigen, was er sagte, schürte er aber grosse Hoffnungen. Der Hinweis, die Fed würde die Folgen des Handelskonflikts aufmerksam beobachten und gegebenenfalls angemessen handeln, wurde als klare Zusage für geldpolitische Stimuli gewertet.

Bei der EZB sieht es nicht viel anders aus. Auch Mario Draghi brachte zum Ausdruck, dass die Notenbank Gewehr bei Fuss steht. Sollte sich der Wachstumsaus-blick infolge einer weiteren Abschwächung des Welthandels nochmals eintrüben, würde mit Zinssenkungen und anderen expansiven Massnahmen gegengesteuert. Offensichtlich wurden damit in den Augen der Investoren die Enttäuschungen bei den Wirtschaftszahlen mehr als wettgemacht.

Genaugenommen handelt die Geldpolitik eigentlich wie immer, wenn sie auf die jüngste konjunkturelle Verunsicherung mit der Ankündigung zusätzlicher Stimuli reagiert. Ein ungutes Gefühl entsteht jedoch daraus, dass sich die Währungshüter damit vor den Karren von Donald Trump und seinem handelspolitischen Konfrontationskurs spannen lassen. Mithin machen sie sich zum Erfüllungsgehilfen Trumps oder sind zumindest mitverantwortlich, wenn sich der Konflikt in die Länge zieht. Das wäre der Fall, wenn die Notenbanken durch ihr schnelles Einschreiten zunächst eine deutliche Korrektur der Aktienmärkte verhindern, welche ansonsten Trump wie Ende 2018 zum Einlenken bewegt hätte.

Ungeachtet der zuletzt erfreulichen Aktienmarktentwicklung darf man sich jedoch nichts vormachen. Sollte der Handelskonflikt weiter eskalieren und würden in diesem Zuge die Zollschranken noch höher gezogen, wäre das ein herber Schlag für den Welthandel und eine massive Verunsicherung für die Unternehmen. Die Notenbanken können dem auf Dauer nichts Schlagkräftiges entgegensetzen. Die EZB hat mit negativen Leitzinsen von -0,40% und einem ausgereizten Anleihenkaufprogramm kaum noch Pfeile im Köcher. Und selbst der Fed werden nach einigen Zinssenkungen die Mittel relativ schnell ausgehen.

Weder die Aktienmärkte noch Donald Trump können sich also angesichts der willfährigen Notenbanken in Sicherheit wiegen. Wir sehen es nach wir vor als wahrscheinlich an, dass sich alle Beteiligten im Handelsstreit des begrenzten geldpolitischen Handlungsspielraums bewusst sind. Damit bleiben die Konfliktparteien verdammt, einen Kompromiss zu finden, was schliesslich zu einer Aufhellung des Konjunkturausblicks führen sollte. Geldpolitische Stimuli seitens der EZB sind in diesem Umfeld unnötig. Die unselige Allianz von Notenbanken und protektionistischem Konfrontationskurs würde sich entsprechend wieder lockern.

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