Analyse
12. August 2019

Konjunkturausblick für die Eurozone gar nicht so schlecht

Der Handelsstreit zwischen den USA und China bestimmt nach wie vor das Geschehen an den Finanzmärkten. Vor allem bei Staatsanleihen sind die Folgen unübersehbar. Hier treibt die Flucht in die sicheren Häfen die Renditen weltweit von einem Rekordtief zum nächsten. Die Aktienmärkte schlagen sich verglichen damit noch relativ wacker. In den USA notierte der S&P500 trotz der jüngsten Eskalationswelle im Zollstreit zwischenzeitlich maximal 7% unter seinem Ende Juli erreichten Allzeithöchststand. In Europa war die Entwicklung ähnlich. mit rund -6% – seit Donald Trump vor knapp zwei Wochen wieder auf Konfrontationskurs gegangen ist – halten sich die Verluste ebenfalls in Grenzen.

Gleichwohl ist auch bei Risikoassets die wachsende Nervosität unverkennbar. Zum Ausdruck kam sie zuletzt bei italienischen Staatsanleihen. Nach der Aufkündigung der Regierungskoalition durch Innenminister Matteo Salvini machten die Spreads gegenüber Bundesanleihen innerhalb kürzester Zeit einen kräftigen Satz nach oben (+30 Bp bei 10-jährigen Laufzeiten). Und das, obwohl sich die politische Lage in der drittgrössten Volkswirtschaft der Währungsunion gar nicht so dramatisch verschlechtert hat. Im Gegenteil: Es bestehen sogar gute Chancen, dass künftig eine wirtschaftsfreundlichere Regierung ans Ruder kommt, was den Risikoappetit der Anleger eigentlich anregen sollte. Die heftige Spread-Reaktion zeigt mithin, dass die Nerven der Investoren mehr und mehr blank liegen.

Nicht vergessen werden darf dabei, dass sich die fundamentale Verfassung der Wirtschaft in der Eurozone jüngst sogar verbessert hat. In Frankreich bahnt sich nach den innenpolitischen Problemen im vergangenen Winter inzwischen eine konjunkturelle Erholung ihren Weg. Gleichzeitig hellt sich selbst in Italien der Ausblick auf. Unter anderem sorgen die gesunkenen Zinsen bei den strategisch wichtigen Unternehmensinvestitionen für neuen Rückenwind.

Zuletzt war es hauptsächlich Deutschland, das aufgrund der zum Teil hausgemachten Probleme in der Automobilindustrie und des aussenwirtschaftlichen Umfelds mit Gegenwind zu kämpfen hatte. Aber auch hier stellen sich die Perspektiven angesichts des inzwischen deutlich gewachsenen Nachholbedarfs bei der Produktion wieder freundlicher dar. Ausserdem zeichnet sich mittlerweile im grössten Absatzmarkt China eine zaghafte Wende zum Besseren ab.

Damit die in Europa vorhandenen Aufschwungskräfte zum Zug kommen, muss jedoch das Damoklesschwert eines eskalierenden Handelskonflikts an Bedrohung verlieren. Unbestritten besteht das Risiko, dass es dazu erst kommt, wenn die US-Aktienmärkte stärker in Mitleidenschaft gezogen werden und auf diese Weise Trump zu mehr Kompromissbereitschaft zwingen. Gleichwohl dürfte der US-Regierung schon jetzt bewusst sein, dass die eigene Wirtschaft an Fahrt verliert, weshalb zusätzliche Verunsicherung infolge des Zollkonflikts für sie eine echte Gefahr darstellt. Nicht zuletzt deswegen, weil eine namhafte Wachstumsabkühlung die Wiederwahlchancen des amtierenden Präsidenten mindert.

Wann es zu einer substanziellen Annäherung der Streitparteien kommen wird, ist derzeit allerdings schwer zu sagen. Insofern bleibt bei Risikoassets kurzfristig Vorsicht geboten. Die mittelfristigen Aussichten für die Wirtschaft der Eurozone sind jedoch nach wie vor freundlich. Im Zuge einer Beruhigung im Handelskonflikt sehen wir entsprechend gute Chancen, dass die Finanzmärkte wieder in den Risk-on-Modus wechseln. EUR-Staatsanleihen sollten entsprechend unter Druck kommen und die Aktienmärkte neuen Rückenwind erhalten. Das Zeitfenster für eine solche Jahresendrallye bei Risikoassets wird zweifelsohne kleiner, ist aber aus unserer Sicht immer noch gegeben.

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