Analyse
23. September 2019

Gespaltene Fed

Weltweit driften die Auffassungen immer mehr auseinander, wie die Geldpolitik auf das aktuell angespannte wirtschaftliche Umfeld reagieren soll. Das hatte zunächst die EZB-Sitzung gezeigt. Mario Draghi sah sich bei der Neuauflage des QE-Programms einem so grossen Widerstand innerhalb des EZB-Rats gegenüber, wie nie zuvor in seiner achtjährigen Amtszeit. Offensichtlich befindet sich die Europäische Zentralbank damit aber in guter Gesellschaft. Auch die US-Währungshüter sind gespalten. Nicht nur, dass in der vergangenen Woche zwei FOMC-Mitglieder gegen die zweite Zinssenkung in diesem Jahr gestimmt haben. Es gab darüber hinaus einen Abweichler, der eine umfangreichere Lockerung forderte. Eine derartige Situation mit entgegengesetzten Opponenten war bei der US-Notenbank zuletzt vor sechs Jahren zu beobachten.

Zum Ausdruck kommt die ausgeprägte Uneinigkeit darüber hinaus in den sogenannten Dots, den Punktprognosen der einzelnen US-Währungshüter zum Leitzinsniveau am Ende dieses und der kommenden Jahre. Während sieben der 17 Notenbanker mit einer nochmaligen Lockerung um 25 Bp bis Ende des Jahres rechnen, gehen fünf davon aus, dass die Fed-Funds-Rate sogar wieder um 25 Bp angehoben wird. Auf der einen Seite formieren sich also die Skeptiker, die eine weiter nachlassende Konjunkturdynamik erwarten, derweil auf der anderen Seite die Optimisten eine Wachstumsbelebung unterstellen. Wer wird recht behalten?

Beide! Einerseits deutet vieles darauf hin, dass sich der Abschwung bei den Unternehmensinvestitionen zunächst fortsetzt. Jüngste Belege dafür lieferte die Geschäftsklimaumfrage der New York-Fed. Der Teilindex zu den Investitionsplänen rutschte auf einen 3-jährigen Tiefststand ab und kündigt damit eine Fortsetzung der Investitionsschwäche an. Wir sehen darin unsere Prognose eines im Schlussquartal dieses Jahres nachgebenden BIP-Wachstums bestätigt.

Andererseits beginnen sich aber gleichzeitig mit Blick weiter voraus die Aussichten aufzuhellen. So hat der Ende 2018 begonnene deutliche Zinsrückgang für eine spürbare Verbesserung der Finanzierungskonditionen in den USA gesorgt. Den üblichen zeitlichen Verzögerungen folgend ist daher ab Anfang des kommenden Jahres mit einer wieder anziehenden Investitionsnachfrage zu rechnen. Handfeste Vorboten dafür sind bereits auszumachen. Am Immobilienmarkt, der schneller auf Veränderungen der Zinslandschaft reagiert, hat der Trend schon wieder nach oben gedreht. Der Rückgang bei 30-jährigen Hypothekenzinsen von rund 5,20% auf zwischenzeitlich rund 3,80% liess die Hausverkäufe im August auf einen 1½‑jährigen Höchststand klettern. Bei den Baubeginnen und -genehmigungen wurden sogar 12-jährige Rekorde erreicht.

In Anbetracht dieses gespaltenen Ausblicks gehen wir davon aus, dass die US-Notenbank zunächst an ihrer bisherigen Vorgehensweise festhält. Im Umfeld einer anhaltenden Wachstumsverlangsamung dürften die Währungshüter die Leitzinsen im 4. Quartal nochmals um 25 Bp senken (auf eine Bandbreite von 1,50% bis 1,75%). Es bestehen aber gute Chancen, dass damit der Tiefpunkt erreicht ist. Im Zuge einer konjunkturellen Erholung – und unter der Voraussetzung einer abklingenden Verunsicherung durch den Handelsstreit – sollte die Fed auf einen abwartenden Kurs einschwenken. Während US-Treasuries somit vonseiten der Geldpolitik zunächst noch gestützt werden, dürfte der Gegenwind im kommenden Jahr wieder zunehmen.

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