Analyse
30. September 2019

Eurozone nicht abschreiben

Gegenwärtig scheint sich alles gegen die europäische Konjunktur verschworen zu haben. Die geopolitische Lage bleibt fragil. Kaum gibt es bei den Handelsgesprächen zwischen den USA und China Entspannungssignale taucht ein neues Problem auf: Dem US-Präsidenten droht ein langwieriges Amtsenthebungsverfahren. Gleichzeitig zeichnet sich beim Brexit-Chaos nach wie vor keine vernünftige Lösung ab. Schliesslich kommen von der Datenfront Hiobsbotschaften. Der EUR-Einkaufsmanagerindex der Industrie ist im September weiter unter die Expansionsschwelle abgerutscht. Darüber hinaus hat auch der Dienstleistungssektor erstmals sein Fett abbekommen. Ist der Weg in die Rezession damit vorgezeichnet?

Ohne Frage dürfte das Expansionstempo in der Währungsunion im Herbst schwach ausfallen. Viel weiter in die Zukunft lässt sich mit den offiziellen Konjunkturindikatoren aber nicht blicken – sie sind letztlich nur ein Spiegel der Vergangenheit. Nur wenn der Composite-Einkaufsmanagerindex noch weiter fällt und schliesslich die 50,0-Punkte-Marke nach unten durchbricht, verfestigt sich der Abschwung. Ist dieses Szenario aber plausibel?

Aus unserer Sicht ist bereits viel Negatives in den Umfragen eingepreist. Gleichzeitig werden die Kräfte, die sich dem Abwärtstrend entgegenstemmen, aber immer stärker. Dies gilt unter anderem für die Geldpolitik, die in den vergangenen Monaten eine 180-Grad-Wende vollzogen hat.

Viele sehen zwar im jüngsten Zinsschritt der EZB (von ‑0,40% auf ‑0,50%) keinen grossen Nutzen. Zu bedenken gilt indes, dass Anfang 2019 noch Zinserhöhungen erwartet wurden. Der Swing im Leitzinsausblick spiegelt sich in den Renditen wider, die seit einem Jahr – gemessen an 10-jährigen Bundesanleihen – um mehr als 100 Bp gefallen sind. Für die deutsche Wirtschaft mag der daraus resultierende Effekt überschaubar sein. Immerhin stützen die damit einhergehend niedrigeren Hypothekenzinsen weiter die Bauwirtschaft.

Vollends unübersehbar sind die positiven Effekte in Südeuropa: In Portugal sind die Renditen 10-jähriger Staatsanleihen innerhalb eines Jahres um 200 Bp gesunken. In Italien sind es sogar beinahe 300 Bp (aktuell: 0,83%, Oktober 2018: 3,68%). Allein die öffentliche Hand spart dadurch massiv Zinskosten. Aber natürlich profitieren auch die Unternehmen und Banken, zumal die EZB noch weitere Massnahmen ergriffen hat (Ausgabe neuer Langfristtender), um den südeuropäischen Kreditinstituten unter die Arme zu greifen.

Blickt man über den Teich, sind die positiven Wirkungen der Zinswende am Immobilienmarkt bereits mit Händen zu greifen. Ob Hausverkäufe, Baugenehmigungen oder Geschäftsklima, überall ging es in den USA zuletzt aufwärts. Darüber hinaus bekommen aber auch die Schwellenländer die weltweit lockere Geldpolitik zu spüren. Zahlreiche Notenbanken in Asien, Osteuropa und Südamerika stehen vor Zinssenkungen. Noch im vergangenen Jahr hatten diese Länder mit Kapitalabflüssen und Abwertungsdruck zu kämpfen.

Die stabilisierenden Wirkungen der moderat expansiven Fiskalpolitik in der Eurozone seien hier nur am Rande erwähnt. Auch wenn gerade Deutschland zu noch grösseren »Anstrengungen« aufgefordert wird, erzeugen die bereits beschlossenen Massnahmen (unter anderem die Mütterrente, das Pflegstärkungsgesetz, das neue Klimapaket etc.) positive Impulse.

Im Ergebnis spricht nach wie vor fast alles dafür, dass sich die Konjunktur in der Eurozone in den nächsten Monaten stabilisiert und somit die Rezessions-ängste abnehmen. Für die Finanzmärkte sind damit ebenfalls die Leitplanken gesetzt: Die Renditen sollten anziehen und Risikoassets gestützt bleiben.

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