Analyse
18. November 2019

Die deutsche Wirtschaft dürfte 2020 positiv überraschen

Es liegt im statistischen Unschärfebereich, ob die Wirtschaft eines Landes im Laufe eines Quartals um +0,1% oder -0,1% gewachsen bzw. geschrumpft ist. In Deutschland war es aber von grosser Symbolkraft, als das Statistische Bundesamt in der vergangenen Woche einen leichten Zuwachs des BIP im 3. Quartal verkündet hat (nach -0,2% im 2. Quartal). Die viel beschworene technische Rezession ist damit ausgeblieben. Einmal mehr ist die Lage nicht ganz so schlecht, wie allgemein vermutet. Dies hatte zuvor bereits die Berichtssaison zum 3. Quartal für die DAX-Konzerne nahegelegt. Die Mehrzahl der Unternehmen konnte hier bei Gewinn und Umsatz positiv überraschen.

Für das laufende Quartal deuten die Auftragseingänge des verarbeitenden Gewerbes sowie Aktivitätsdaten vom Oktober (Pkw-Produktion, Stromerzeugung) auf eine Stabilisierung bei der Industrieproduktion hin. Die deutsche Wirtschaft dürfte somit zum Jahresende erneut geringfügig expandieren. Für das Gesamtjahr 2019 ergibt sich daraus ein Anstieg des BIP um immerhin 0,6%.

Viele Auguren – etwa der deutsche Sachverständigenrat – bleiben für das Jahr 2020 skeptisch und gehen von einer weiterhin geringen Dynamik aus. Wir sehen indes das Potenzial für eine deutlich bessere Entwicklung.

Die Basis dafür bildet die Binnennachfrage, von der unverändert positive Impulse ausgehen. So werden die Lohn- und Renteneinkommen 2020 erneut kräftig expandieren. Parallel ist die Fiskalpolitik expansiv ausgerichtet. Erst am vergangenen Freitag hat das Bundeskabinett beschlossen, die Investitionsausgaben 2020 nochmals um 1,2 Mrd. EUR aufzustocken. Der Zuwachs im Bundeshaushalt gegenüber 2019 beträgt mittlerweile 10%. Nicht zuletzt deshalb wird auch die Bauwirtschaft eine Triebkraft bleiben.

Die Achillesferse der deutschen Konjunktur war 2019 der deutsche Fahrzeugbau. Hier zeichnet sich nunmehr eine Wende zum Besseren ab. Wie oben angemerkt, spiegelt sich dies bereits in den anziehenden Auftragseingängen wider. Darüber hinaus gehen wir davon aus, dass der chinesische Absatzmarkt zu alter Stärke zurückkehrt. Nach zwei Jahren mit rückläufigen Pkw-Neuzulassungen rechnen wir 2020 wieder mit einer Steigerung. Auch in anderen Schwellenländern (unter anderem Brasilien und Indien) sollte es aufwärtsgehen. Hinzu kommen die abnehmenden Risiken eines No-Deal-Brexit sowie von US-Importzöllen auf Pkws. Alles in allem bestehen 2020 gute Chancen, dass der deutsche Wachstumsmotor wieder auf allen Zylindern läuft und somit das Wachstum in Richtung 1,5% bis 2,0% anzieht (Ende 2020, im Vorjahresvergleich).

Für die Eurozone sind dies ebenfalls gute Nachrichten, schliesslich war Deutschland 2019 der Bremsklotz innerhalb der Währungsunion. 2020 könnte es sich zusammen mit Frankreich und einigen kleinen Ländern (Niederlande, Belgien, Österreich und Portugal) wieder zu einer Lokomotive wandeln, wenn auch die Zeiten mit Wachstumsraten bis zu 3,0% nicht so schnell wiederkehren dürften.

Angesichts dieser Perspektiven gibt es für die EZB keinen Grund, 2020 weitere geldpolitische Lockerungsmassnahmen umzusetzen. Vielmehr sollte sie Vorbereitungen für Leitzinserhöhungen im Jahr 2021 treffen. In der Folge neigen sich die Zeiten negativer Renditen bei langen Laufzeiten – zumindest vorübergehend – dem Ende zu. 10-jährige Bundesanleihen dürften 2020 wieder erkennbar über ±0,0% rentieren.

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