Analyse
21. Oktober 2019

Déjà-vu beim Brexit

Es wäre zu schön gewesen, wenn das britische Parlament bereits am vergangenen Samstag den neuen Deal mit der EU abgesegnet hätte. Aber aufgeschoben ist in diesem Fall wirklich nicht aufgehoben. Laut Medienberichten stehen die Chancen nicht schlecht, dass Boris Johnson in den nächsten Tagen die notwendige Mehrheit zusammenbringt. Neben den Tory-Abgeordneten (einschliesslich der vor kurzem aus der Fraktion ausgeschlossenen) müsste er noch ungefähr 15 bis 20 Brexit-Befürworter aus der Labour-Partei auf seine Seite ziehen. Dies scheint machbar. Auch viele Parlamentarier sehnen schliesslich ein Ende der Brexit-Debatte herbei.

Aber selbst wenn der modifizierte Austrittsvertrag in den nächsten beiden Wochen durchfällt (oder gar nicht zur Abstimmung gelangt), läuft es nicht automatisch auf einen No-Deal-Brexit hinaus. Vielmehr dürfte die EU dann dem Antrag auf eine nochmalige Verschiebung des Exit-Datums zustimmen. In der Folge könnten in Grossbritannien Neuwahlen stattfinden, aus denen voraussichtlich die Tories als klare Sieger hervorgingen. Spätestens dann hätte Boris Johnson eine eindeutige Mehrheit hinter sich, um seinen Vertrag durchs Parlament zu bringen. Alles in allem sind wir zuversichtlich, dass das Brexit-Drama ein geordnetes Ende findet, womit ein Unsicherheitsfaktor vom Tisch wäre.

Der Handelskonflikt zwischen China und den USA wird die Welt zweifellos noch länger beschäftigen. In den nächsten Monaten könnte aber zumindest eine Atempause eintreten. Angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Lage ist es in beiderseitigem Interesse, den Streit nicht eskalieren zu lassen. Es spricht daher viel dafür, dass Donald Trump und Xi Jinping – wie avisiert – im Rahmen des APEC-Treffens Mitte November ein Teilabkommen ratifizieren. Damit öffnet sich zugleich die Tür, die für Dezember angedrohten Strafzölle auf chinesische Waren zu kassieren.

Zieht man ein Fazit, sind in den vergangenen Wochen die Chancen gestiegen, dass sich die politische Lage entspannt. Die zuletzt aufgekommene Risk-on-Stimmung an den Finanzmärkten, die den DAX seit Anfang Oktober um 8% und die Renditen 10-jähriger Bunds um mehr als 20 Bp angeschoben haben, sind aus dieser Sicht verständlich. Ist der wachsende Risikoappetit aber auch fundamental gerechtfertigt?

Die Konjunkturdaten der vergangenen Woche machen in dieser Hinsicht wenig Mut. So sind in Deutschland die Pkw-Neuzulassungen im September überraschend stark eingebrochen. In den USA sorgten wiederum die Einzelhandelsumsätze und die Industrieproduktion für Enttäuschungen. Schliesslich sank das Wachstum in China erstmals seit 30 Jahren auf »nur noch« 6,0%.

Den BIP-Zahlen in China stehen indes eine Reihe positiver Meldungen gegenüber. Die anziehende Industrieproduktion, das zulegende Kreditwachstum und sich stabilisierende Immobilienverkäufe zeigen, dass die staatlichen Stimuli endlich Wirkung entfalten. Im laufenden Quartal dürfte das Expansionstempo daher wieder zulegen. Die USA befinden sich dagegen in einer Phase der konjunkturellen Abkühlung. Immerhin sieht es aber nach keinem Absturz aus. Die Eurozone ist wiederum der grösste Profiteur der sich abzeichnenden Entspannung beim Brexit-Drama und beim Handelskonflikt. Die Konjunkturbarometer dürften sich in Anbetracht dessen ausgehend von niedrigem Niveau erholen. Die Rezessionsängste, die derzeit in aller Munde sind, sollten sich nicht bewahrheiten.

Die Aktienhausse wird somit nach dem politischen zunehmend auch fundamentalen Rückenwind erfahren. Für die Renditen bedeutet dies, dass sie sich noch stärker in Richtung positives Terrain bewegen.

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