Kommentar
20. August 2018

Lira-Absturz als Weckruf für die Finanzmärkte

Der Absturz der türkischen Lira sorgt an den globalen Finanzmärkten für gehörige Verunsicherung. Die dahinter steckenden fundamentalen Schwierigkeiten des Landes sind aber schon länger bekannt – wieso reagieren die Investoren erst jetzt? Weil sich das geldpolitische Umfeld geändert hat. Die grossen Notenbanken hatten die Geldschleusen in den vergangenen Jahren immer weiter aufgedreht, um die Anleger in riskante Assets zu drängen. Jetzt rudern die Währungshüter zurück, was die Risikobereitschaft zwangsläufig dämpft. Daneben lässt die Aussicht auf ein langsameres weltwirtschaftliches Wachstum die Anleger vorsichtiger werden. Die aktuelle Krise in der Türkei ist somit als Weckruf anzusehen: Das Fahrwasser für risikobehaftete Asstes wird rauer.

Der Absturz der türkischen Lira, die allein seit Anfang August bis zu einem Drittel ihres Wertes gegenüber dem USD eingebüsst hat, sorgt an den Finanzmärkten rund um den Globus für gehöriges Unbehagen. Verunsichert durch wirtschaftspolitisch fragwürdige Äusserungen von Präsident Recep Tayyip Erdogan und durch eskalierende Streitigkeiten mit den USA richten sich plötzlich alle Augen auf das enorme Leistungsbilanzdefizit und die ausufernde Auslandsverschuldung der Türkei.

Mit durchschnittlich 5,5% des BIP in den vergangenen fünf Jahren ist der Fehlbetrag im Aussenhandel unter den aufstrebenden Volkswirtschaften einer der grössten. Die kurzfristigen Verbindlichkeiten gegenüber ausländischen Gläubigern machen inzwischen knapp 100% der Währungsreserven aus. Beides zusammen zeigt, dass die Türkei schon seit Langem über ihre Verhältnisse lebt.

Mögliche Kapitalhilfen aus dem Ausland hin oder her – im Kern kommt das Land nicht umhin, schmerzhafte Anpassungen vorzunehmen. Vor allem müssen die Leitzinsen massiv angehoben werden. Nur so kann glaubwürdig die Unabhängigkeit der Notenbank demonstriert und durch eine Dämpfung der Binnennachfrage das Leistungsbilanzdefizit reduziert werden. Die Folge wird aller Wahrscheinlichkeit eine Rezession sein – das ist der Preis, der dafür zu zahlen ist, wenn man vorher lange Zeit über seine Verhältnisse gelebt hat.

Fundamental ist es also nicht verwunderlich, dass die türkische Währung so unter Druck steht. Wieso aber erst jetzt, wo die Investoren zuvor doch jahrelang stillgehalten haben? Die Antwort dürfte im geänderten globalen geldpolitischen Umfeld liegen. Anders als in den vergangenen Jahren drehen die Notenbanken den Geldhahn nicht immer weiter auf, sondern beginnen zurückzurudern. Allen voran die US-Notenbank, die ihre Leitzinsen um 175 Bp angehoben und die Bilanzsumme seit letztem Herbst in immer grösseren Schritten um über 200 Mrd. USD reduziert hat.

Gleichzeitig befindet sich die EZB auf Ausstiegskurs und dürfte ihre Anleihenkäufe Ende dieses Jahres komplett einstellen. Selbst die Bank of Japan, die an ihrem ultraexpansiven geldpolitischen Kurs formell festhält, musste in den zurückliegenden 12 Monaten mit rund 45 Bio. Yen (rund 420 Mrd. USD) nur noch rund halb so viele Anleihen ankaufen wie noch vor wenigen Jahren, um die Zinsen nahe Null zu verankern.

Damit hat sich etwas ganz Entscheidendes geändert. Die Gelschwemme der Notenbanken, die Investoren in den vergangenen Jahren unter Inkaufnahme von Fehlbewertungen in risikoreichere Assets treiben sollte, ebbt ab. Zwangsläufig schwindet damit die Risikobereitschaft der Anleger, selbst wenn die Geldpolitik von einer echten restriktiven Ausrichtung noch weit entfernt ist.

Daneben ist ein zweiter Faktor zu beachten, der das globale Finanzmarktklima belastet – der Konjunkturtrend. In weiten Teilen der Weltwirtschaft hat der Aufschwung bereits an Fahrt verloren. Selbst für die USA, die zuletzt mit hohen Wachstumsraten glänzte, zeichnet sich angesichts des ausklingenden fiskalischen Stimulus und der verschlechterten Finanzierungskonditionen eine langsamere Expansionsdynamik ab.

In diesem Umfeld ist es kein Wunder, dass die fundamentalen Risiken, die u.a. mit einem Engagement in aufstrebenden Volkswirtschaften verbunden sind, wieder grössere Beachtung finden. Die aktuelle Krise in der Türkei ist somit als ein Weckruf anzusehen. In einem Umfeld, in dem die Notenbanken ihren Normalisierungskurs fortsetzen und gleichzeitig die Weltkonjunktur an Schwung verliert, wird das Fahrwasser für risikobehaftete Assets rauer.

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