Kommentar
26. November 2018

Europa politisch und konjunkturell in schwierigem Fahrwasser

Das Jahr 2018 verläuft für die Währungsunion nicht nur in politischer, sondern auch in konjunktureller Hinsicht alles andere als erfreulich. Das Wachstum hat sich innerhalb eines Jahres halbiert. Bis zuletzt wurde immer wieder auf temporäre Bremsfaktoren (WLTP-Abgastests) hingewiesen, um die Abkühlung zu erklären. Dies ist indes immer weniger plausibel, zumal sich auch die Frühindikatoren in einem anhaltendem Sinkflug befinden. Wir gehen davon aus, das die konjunkturelle Abschwächung vorerst anhält und somit Bundesanleihen gut unterstützt bleiben.

Das Jahr 2018 ist noch nicht zu Ende – dennoch lässt sich bereits jetzt sagen, dass es aus Sicht der Eurozone bzw. der EU nicht gerade erfreulich verlief. Der Brexit rückt immer näher. Anlässlich der Verabschiedung des Austrittsvertrags sprach Jean-Claude Juncker am vergangenen Wochenende von einem »tragischen und traurigen« Moment. Parallel fechten die EU-Kommission und Italien den wohl schwerwiegendsten Haushaltskonflikt seit Beginn der Währungsunion aus.

Auch in konjunktureller Hinsicht läuft es alles andere als rund. Anfang 2018 lag das Wachstum noch bei 2,8% (im Vorjahresvergleich). Nicht wenige Analysten erhofften sich eine weitere Steigerung auf über 3,0%. Stattdessen trat das Gegenteil ein: das Expansionstempo verlangsamte sich im Laufe des Jahres kontinuierlich. Im 4. Quartal 2018 dürfte es sich auf 1,4% halbiert haben.

Zunächst wollte man die konjunkturelle Eintrübung nicht wahrhaben. »Experten« und Notenbanker führten zur Erklärung allerhand temporäre Faktoren an. Im Februar/März war es der ungewöhnlich hohe Krankenstand, der die Produktion abbremste. Dann sorgten Streiks und viele Brückentage für Gegenwinde. Schliesslich zügelte der WLTP-Abgastest den Fahrzeugausstoss.

Zweifellos haben die neuen Prüfverfahren dem Fahrzeugbau schwer zugesetzt. In Deutschland dürfte dieser Störfaktor das BIP-Wachstum im 3. Quartal um mindestens drei Zehntel belastet haben. Aber selbst wenn dies berücksichtigt wird, ist die Konjunkturabkühlung unübersehbar. Ausserdem spricht vieles dafür, dass nicht der gesamte Produktionsrückstand in den nächsten Monaten aufgeholt wird. Vielmehr wird mancher Hersteller gar nicht so unglücklich sein und dies zum Anlass nehmen, um auf die geringere Fahrzeugnachfrage zu reagieren.

Selbst der grösste Absatzmarkt der Welt kämpft dieses Jahr mit Problemen. In China dürften die Pkw-Neuzulassungen 2018 erstmals seit über 20 Jahren wieder rückläufig sein. Auch in den USA ist trotz des aktuellen Wirtschaftsbooms eine Sättigungstendenz erkennbar – die Auto-Verkäufe stagnieren. Schliesslich haben verschiedene aufstrebende Märkte (Brasilien, Türkei, Russland) ihre eigenen Schwierigkeiten und in Grossbritannien bremst die Brexit-Verunsicherung.

Dies spiegelt sich auch in den Unternehmensumfragen wider. Im Rahmen der IFO-Ergebung sind die Geschäftserwartungen des Fahrzeugbaus zuletzt auf mehrjährige Tiefststände gesunken. Dies wäre kaum der Fall, wenn die Hersteller mit einer baldigen Erholung rechnen. Die Einkaufsmanagerumfrage gibt gleichfalls keine Entwarnung. Der Industrie-EMI für Deutschland ist im November auf ein 2½-Jahres-Tief gefallen (51,6 Punkte) und die Exportaussichten werden so schlecht beurteilt wie seit sechs Jahren nicht mehr (46,6 Punkte). Laut Markit ist dafür nicht zuletzt die schwache Nachfrage nach Pkws verantwortlich.

Eine baldige Verbesserung des Umfelds ist nicht in Sicht. In den USA ist vielmehr der konjunkturelle Hochpunkt mittlerweile durchschritten. Einzig der Plan der chinesischen Regierung, die Verbrauchsteuersätze für Pkws zu senken (von 10% auf 5%), stellt einen Hoffnungsschimmer dar. Es dürfte sich aber nur um ein kurzes Strohfeuer handeln.

Für die Finanzmärkte bedeutet dies zweierlei: Das Umfeld für Risikoassets sollte vorerst angespannt bleiben. Bundesanleihen werden hingegen weiterhin profitieren. Dies gilt umso mehr, als auch die EZB unter Druck steht. Im Rahmen der Dezember-Sitzung wird sie nicht umhinkommen, ihre Wachstumsprognosen nach unten zu korrigieren. Beim Ausblick könnte sie zum ersten Mal seit langem die Abwärtsrisiken übergewichten. Gleichzeitig werden immer mehr Notenbanker darauf hinweisen, dass die Leitzinsen Ende 2019 nicht zwangsläufig angehoben werden müssen. Dies dämpft die Leitzinserhöhungserwartungen und damit die Bund-Renditen.

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