Politische Auswirkungen
- Mit dem »Kidnapping« des venezolanischen Staatschefs Nicolás Maduro haben die USA eine neue Stufe in ihrem imperialen Machtanspruch erklommen. Die USA wollen Venezuela »führen« und sich einen Großteil des Öls aneignen. Die Aktion unterstreicht, dass der Niedergang der regelbasierten Weltordnung in vollem Gange ist. Statt des Völkerrechts gilt das Recht des Stärkeren. Speziell die USA – und wohl auch die anderen Großmächte – können sich alles erlauben. Damit ist das Tor für weitere geopolitische Schocks grundsätzlich geöffnet.
- Als Folge der US-Militäraktion befürchten viele Beobachter, dass sich nunmehr auch Russland und China ermuntert sehen, ihre Machtbasis auszubauen, das heißt, sich unter anderem die Ukraine bzw. Taiwan einverleiben. Dies könnte eine Folge sein. Allerdings wollten die USA mit ihrem Handeln auch die anderen beiden Großmächte in ihre Schranken weisen und ihren Anspruch auf die westliche Hemisphäre untermauern (Monroe- bzw. neu Donroe-Doktrin). Sollte es den USA gelingen, aus Venezuela einen Vasallenstaat zu machen, verlieren Russland und China einen wichtigen Verbündeten. China hat hohe Summen in Venezuela investiert und ist der wichtigste Abnehmer des venezolanischen Rohöls. Beides dürfte nunmehr verloren sein. Auch mit Blick auf Taiwan gilt: Das Land ist nach wie vor ein wichtiger Lieferant elektronischer Bauteile. Die USA werden daher nicht tatenlos zusehen, wie sich China die taiwanesische Chipindustrie unter den Nagel reißt. Auch mit Blick auf Russland haben die USA kein Interesse an einer zu starken Ausweitung von deren Machtbasis (siehe Grönland).
- Positiv werten könnte man, dass Trump seine Militäraktionen als gezielte (einmalige) chirurgische Eingriffe ansieht und keinerlei Interesse an einer Eskalation hat. Dies war im Fall des Angriffs auf die iranischen Atomanlagen so (Operation Midnight Hammer) und auch jetzt ist kein Umsturz des venezolanischen Regimes mit der Gefahr eines Bürgerkriegs geplant. Vielmehr soll das alte Regime als Vasall der USA weiterregieren.
- Gegen eine Vielzahl weiterer Interventionen (etwa in Kuba, Kolumbien, Mexiko) spricht überdies, dass sich die USA damit völlig verzetteln würden und dies in der US-Bevölkerung zweifellos nicht gut ankommen würde. Präsident Trump hatte im Wahlkampf versprochen, sich aus kriegerischen Konflikten herauszuhalten.
- Alles in allem ist die Weltordnung chaotischer geworden und die USA scheinen wie entfesselt zu agieren. Es ist aber keineswegs sicher, dass damit nunmehr eine Militäraktion nach der anderen folgt.
- Für die Europäer ist die Maduro-Entführung ein weiteres Signal, dass sie sich auf ihren Verbündeten nicht mehr verlassen können und somit ein erneuter Weckruf, endlich auf eigenen Füßen zu stehen. Dies gilt umso mehr, als Donald Trump Grönland als eines seiner nächsten Ziele ins Visier genommen hat. Der Druck auf die Europäer, ihre Sicherheitspolitik in die eigenen Hände zu nehmen, ist somit weiter gestiegen. Europa wird nicht umhinkommen, in den nächsten Jahren zum Beispiel eine eigene Satellitenüberwachung oder einen eigenen Atomschirm aufzubauen.
Auswirkungen auf die Finanzmärkte
Ölpreis:
Die kurz- und mittelfristigen Auswirkungen dürften gering sein. Venezuela stand zuletzt für weniger als 1% der weltweiten Rohölförderung (knapp 1 Mio. Barrel pro Tag). Selbst wenn dieses Angebot komplett wegfallen würde (in der Folge eines Bürgerkriegs), könnte dies problemlos von anderen Anbietern aufgefangen werde. Gelingt wiederum eine Stabilisierung des Regimes und werden die Sanktionen aufgehoben, ist eine allmähliche Produktionssteigerung möglich. Sie dürfte aber nur langsam vonstattengehen, weil die aktuellen Förderkapazitäten marode sind. Experten sind sich darin einig, dass die Produktion über die kommenden zwei Jahren bestenfalls verdoppelt werden kann. Eine deutlichere Ausweitung ist nur mit Milliarden-Investitionen möglich. Ob diese angesichts des aktuellen globalen Öl-Überangebots, der schwierigen venezolanischen Förderbedingungen und der fortbestehenden Misswirtschaft im Land erfolgen, ist jedoch fraglich. Kurz- und mittelfristig ist daher aus Venezuela mit keiner Ölschwemme zu rechnen. Sollte indes auch noch im Iran eine Regimewechsel erfolgen und es im Ukrainekrieg zu einem Waffenstillstand kommen, könnte der globale Angebotsdruck bei Öl gleich von mehreren Seiten zunehmen.
US-Assets:
Der Handstreich in Venezuela hat deutlich gemacht, dass die USA unangefochten die stärkste Macht der Welt sind. Niemand ist in der Lage, der größten Volkswirtschaft Paroli zu bieten. Dies sollte auf den ersten Blick positiv auf US-Assets ausstrahlen. Allerdings zeigt die Aktion auch, dass sich die USA weiter in Richtung eines autoritären Systems bewegen. Nicht nur nach außen, sondern auch nach innen gilt das Recht des Stärkeren. Was Maduro geschehen ist, kann in den Vereinigten Staaten auch einem Richter, Universitätsprofessor, Journalisten oder dem Notenbankpräsidenten blühen. Hinsichtlich Rechtsstaatlichkeit und institutioneller Sicherheit sind neue Fragezeichen hinzugekommen. Die USA sind jedenfalls kein Anker der globalen Stabilität mehr. Jeder Investor muss sich daher fragen, ob er seine Vermögensanlage weiterhin auf US-Assets konzentrieren möchte. Die US-Militäraktion ist daher zweifellos auch ein Weckruf an alle Anleger, das Vermögen geografisch stärker zu streuen. Neben den USA sollten insbesondere Europa und Asien ins Blickfeld genommen werden.
EUR-Assets:
Wie oben beschrieben, führt in Europa kein Weg an einer größeren Unabhängigkeit vorbei – militärisch und wirtschaftlich. Die damit verbundenen Investitionen werden nur über eine noch höhere Staatsverschuldung unter Einbindung der EU (bzw. EU-Bonds) zu stemmen sein, das heißt, in den nächsten Jahren wird die Fiskalpolitik in Europa expansiv bleiben. Dabei dürfte es sich um Summen handeln (mehrere 100 Mrd. Euro), die sich heute noch niemand richtig vorstellen kann. Diese Politik dürfte zumindest in Teilen inflationär wirken. Profiteure werden unter anderem die Sektoren Bau, Infrastruktur, Finanzen und Rüstung sein.
US-Dollar:
Eigentlich sollte der Greenback von der Machtdemonstration der USA profitieren, zumal die US-Währung in der Vergangenheit stets als Krisenschutz fungierte. Aber auch hier gilt, was bereits oben ausgeführt wurde: Das imperiale, egoistische Gebaren der USA verschreckt zugleich die ausländischen Investoren. Die bereits bestehende Tendenz, sich aus dem US-Dollar zurückzuziehen und stattdessen zum Beispiel auf Gold als sicherer Hafen zu setzen, wird sich fortsetzen. Nicht zuletzt die Schwellenländer wollen sich so aus der Abhängigkeit des US-Finanzsystems befreien.
