Positive Berichtssaison verschleiert Spreizung zwischen einzelnen Branchen

Die Berichtssaison für das 2. Quartal hat in Europa bislang zwar positiv überrascht, aber es ist eine deutliche Spreizung zwischen einzelnen Branchen zu beobachten: Technologie- und Industrieunternehmen sind zuversichtlich, während Automobil- und Konsumgüterhersteller eher negative Ausblicke veröffentlichten. Aber auch innerhalb der Sektoren sind die Perspektiven nicht einheitlich. In den kommenden Quartalen sollten Anleger vor allem drei Faktoren beachten: Fortschritte im Zollabkommen zwischen der EU und den USA, die Schwäche des US-Dollars sowie sektorspezifische Herausforderungen wie MFN-Regelungen im Pharmasektor.

Die Berichtssaison für das 2. Quartal ist weitgehend abgeschlossen. Im Vergleich zu den anfänglichen Prognosen überraschte sie positiv: Etwa 30% der Unternehmen des Stoxx Europe 600 hoben ihre Prognosen an, 15% senkten sie. Doch Durchschnittswerte verschleiern die Spreizung: Während Technologie- und Industrieunternehmen ihre Aussichten untermauerten und damit Ratingspielräume stärkten, sehen sich Automobil- und Konsumgüterhersteller mit Margendruck, Zolleffekten und negativen Ausblicken konfrontiert. Für Hochzins-Emittenten verschärfen sich diese Belastungen zusätzlich durch ein enger werdendes Refinanzierungsfenster – erkennbar an negativen Ausblicken und wachsenden Spreads. In der zweiten Jahreshälfte 2025 dürfte sich diese Divergenz noch verstärken.

Zölle und Schwäche des US-Dollars belasten Unternehmen

Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für Unternehmen in der Eurozone bleiben fragil, der erhoffte Aufschwung bleibt bislang aus. Zugleich hat die Inflation nachgelassen. Die Risiken für Unternehmen liegen anderswo: Erstens sind Zölle von einer hypothetischen zu einer spürbaren Belastung geworden. Zweitens schwächt die anhaltende US-Dollar-Schwäche die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Exporteure. Dieser umgekehrte Zolleffekt war im 2. Quartal kaum sichtbar, dürfte aber ab dem 3. Quartal deutlich die Ergebnisse belasten.

So dominierten Zölle bereits die Gewinnkommentare vieler Unternehmen, die konkrete Kostenfolgen bezifferten. Das Anfang August angekündigte Rahmenabkommen zwischen den USA und der EU sieht eine Senkung der Zölle auf Autos und Autoteile auf 15% vor. Dieser Satz würde die im April eingeführten US-Zölle von 27,5% ersetzen. Die Umsetzung ist jedoch noch nicht erfolgt und hängt davon ab, dass die EU ihre eigenen Zölle auf US-Industrieprodukte senkt. Die Zölle für Arzneimittel – geplant sind bis zu 25% – werden noch bis zum Jahresende geprüft, was die Unsicherheit für Pharmaunternehmen verlängert. Neben den direkten Kosten treten zunehmend Zweitrundeneffekte auf: verzerrte Lagerbestände, verschobene Investitionen und Kosten für die strategische Neuausrichtung der Lieferketten.

Sektorale Herausforderungen mit einzelnen Lichtblicken

Deutlich wird diese Verschiebung vor allem im Gesundheitssektor: Der Exportboom im 1. Quar-tal in die USA, getrieben von Vorzieheffekten im Hinblick auf höhere Zölle, kehrte sich im Juni abrupt um. In der Folge brach das Volumen europäischer Pharmalieferungen gegenüber dem Vormonat um fast 40% ein. Zu den Unternehmen, die sich weitgehend den aktuellen branchen-spezifischen Belastungsfaktoren entziehen können, zählen Medtronic und Lonza, die beide ihre Jahresprognosen nach oben angepasst haben. Medtronic profitiert von einer breiten Fertigungsbasis in den USA sowie davon, dass Medizintechnikprodukte nicht von der MFN-Executive-Order (Most Favoured Nation) betroffen sind. Lonza ist dank seines gebührenbasierten Vertragsmodells und einer global diversifizierten Produktionsstruktur gut aufgestellt, um die Lieferketten führender Pharmaunternehmen zu stärken und damit die Auswirkungen der Zölle auf seine Kunden zu begrenzen.

Die Automobilbranche steht vor ähnlichen Herausforderungen, verstärkt durch den Wettbewerbsdruck chinesischer Hersteller in Europa und hohe Kosten für die E-Mobilitätswende. Zölle belasten nun klar die Margen. Zu den Unternehmen, die sich den aktuellen Branchentrends erfolgreich widersetzen, gehört Autoliv. Das Unternehmen hat seine Jahresprognose angehoben, weil es von der steigenden Nachfrage nach komplexen Sicherheitskomponenten – angetrieben durch strengere globale Vorschriften, E-Mobilität und fortschrittliche Fahrzeugtechnologie – sowie von Zollkompensationen profitiert.

Die Sektoren Technologie und – selektiv – Kapitalgüter bleiben hingegen die relativen Lichtblicke, getragen von struktureller Nachfrage nach Automatisierung, Elektrifizierung und KI. Schneider Electric und ABB stehen dabei im Zentrum der Bereitstellung von Elektrifizierungs- und Energiemanagementlösungen für Rechenzentren und Elektromobilität. Beide Unternehmen verweisen auf ein starkes Umsatzwachstum im Jahr 2025, was durch die Halbjahresergebnisse untermauert wird. Die positive Entwicklung verschaffte Schneider Electric zudem ein Rating-Upgrade durch Moody’s. Der KI-Trend treibt auch Unternehmen im Kern der digitalen Wertschöpfungskette an – darunter ASML, das ein starkes Geschäftsjahr bestätigte, getrieben von der Nachfrage nach seiner Chipfertigungs-Ausrüstung. Auch SAP profitiert mit seinem Kerngeschäft Unternehmenssoftware von der Integration von KI, was zu einem kräftigen Wachstum der Cloud-Umsätze führt. 

Komplexe Risikolandschaft erfordert scharfen Blick 

Mit Blick auf die kommenden Quartale rücken drei Faktoren in den Vordergrund: Fortschritte im Zollabkommen zwischen der EU und den USA, die Schwäche des US-Dollars sowie sektorspezifische Herausforderungen wie MFN-Regelungen im Pharmasektor. Die zunehmende Spreizung bei den Ergebnissen innerhalb vermeintlich homogener Sektoren unterstreicht die Bedeutung einer sorgfältigen Bottom-up-Kreditanalyse im Umfeld vielfältiger makroökonomischer und sektoraler Gegenwinde. 

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