Lagarde gibt sich kämpferisch – beim Zinsausblick ist sie aber vage

Die EZB hat die Geldpolitik erstmals seit drei Jahren gestrafft. Der Inflationsschock aus der Nahostkrise sei namhaft und schwerwiegender als anfangs vermutet. Dies spiegelte sich auch in den neuen offiziellen Inflationsprognosen wider, die deutlich angehoben wurden. Lagarde betonte, dass die Leitzinsanhebung nicht nur ein Versicherungsschritt war, sondern aus fundamentaler Sicht absolut geboten gewesen sei. Damit deutet sie weitere monetäre Straffungen an. Hinsichtlich Zeitpunkt und Ausmaß blieb sie aber bewusst vage.

Lagarde falkenhaft bei der Inflation, aber schwammig beim Zinsausblick

Erwartungsgemäß hat die EZB im Rahmen der heutigen Notenbanksitzung erstmals seit drei Jahren die Leitzinsen angehoben – um jeweils 25 Basispunkte (die Depositenrate steigt von 2,00% auf 2,25%). Die Währungshüter begründeten den Schritt mit dem ausgeweiteten Inflationsdruck infolge des Nahostkonflikts. Der Ölpreisschock habe sich zu einem namhaften Ereignis entwickelt, dessen Effekte auf die Teuerung größer seien als anfänglich erwartet. Präsidentin Christine Lagarde betonte in der Pressekonferenz wiederholt, dass inzwischen eine Verbreiterung des Inflationsschubs in allen Bereichen sichtbar werde und die Unternehmen über zunehmend steigende Inputkosten klagten. Ohne eine Leitzinsanhebung wäre die Inflation nach Ansicht der EZB auch noch 2028 über 2,0% verharrt. Die Entscheidung fiel einstimmig – andere Optionen wie ein Stillhalten in der Zinspolitik wurden nicht diskutiert.

Die zunehmenden Inflationssorgen spiegeln sich auch in den aktualisierten Staff-Projektionen wider (vgl. Tabelle am Ende). Der Inflationsausblick wurde vor allem für die kommenden zwölf Monate spürbar angehoben. Im Basisszenario wird der Inflationshochpunkt nunmehr erst im 2. Halbjahr 2026 bei 3,4% erreicht (im März ging die EZB noch von 2,7% aus). Dahinter steht eine massive Anhebung der Ölpreisprognose auf 97 USD je Barrel für 2026 (März: 81 USD). Gleichzeitig werden deutliche Zweitrundeneffekte unterstellt: Die Kerninflation soll bis Anfang 2027 auf 2,7% ansteigen und selbst Ende 2028 noch bei 2,2% verharren.

Beim Wachstumsausblick gibt sich die EZB dagegen weiterhin gelassen. Der übergeordnete Aufschwung sei nicht in Gefahr; ab dem 2. Quartal 2027 werde die Wirtschaft in annualisierter Rechnung wieder mit über 1,5% expandieren. Kurios ist allerdings, dass die BIP-Abwärtskorrektur für das 1. Quartal 2026 (von +0,1% auf –0,2%) nicht in die Projektionen eingeflossen ist – nur so ist es erklärbar, dass für das laufende Jahr beim BIP-Wachstum praktisch keine Abwärtsrevision erfolgte.

Bemerkenswert war indes der Kontrast in Lagardes Auftritt: Während sie das aktuelle Inflationsumfeld sehr falkenhaft einordnete, war sie beim Zinsausblick extrem zurückhaltend. Es bleibe beim datenabhängigen Meeting-by-Meeting-Ansatz. Auf Hinweise zu möglichen weiteren Schritten im September wollte sie sich nicht einlassen. Sie stellte allerdings klar, dass es sich bei der aktuellen Anhebung nicht um einen »Versicherungsschritt« im Sinne eines »one and done« handele. Vielmehr sei die Straffung aus fundamentaler Sicht notwendig gewesen, da andernfalls die Inflation und die Inflationserwartungen aus dem Ruder zu laufen drohten. Alles zusammengenommen lassen die Aussagen trotz fehlender Konkretion eine Neigung zu weiteren geldpolitischen Straffungen klar erkennen.

Mindestens eine weitere Leitzinserhöhung wahrscheinlich

Die Geldterminmärkte preisen zwei zusätzliche Leitzinsanhebungen bis März 2027 ein, was die Depositenrate auf 2,75% brächte. Auch wir rechnen mit mindestens einer weiteren Straffung um 25 Basispunkte im September. Verantwortlich dürfte aus unserer Sicht allerdings weniger der angebotsseitige als vielmehr der nachfrageseitige Preisdruck sein. Sollte in Bälde eine Einigung im Nahen Osten erfolgen, die auch die Öffnung der Straße von Hormus umfasst, wird dies der Eurozone neuen konjunkturellen Schwung verleihen. In diesem Fall dürfte die Kerninflation in der Tat deutlich über 2,0% verharren, was eine geldpolitische Straffung in den leicht restriktiven Bereich plausibel macht. Der Leitzins könnte dann 2027 sogar auf 2,75% oder 3,00% ansteigen.

Schwelt der Konflikt dagegen weiter, droht der Eurozone die Rückkehr in die Stagnation. In diesem Szenario ist es nicht angebracht, die Geldpolitik in den restriktiven Bereich zu führen, zumal die Inflationsgefahren dann von selbst abebben werden. Die EZB dürfte den Leitzins dann bestenfalls noch im September um 25 Bp (auf 2,50%) anheben.

Makro-Projektionen der EZB (Juni 2026)

Quellen: EZB, Bantleon; * Jahresdurchschnitt

 

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