Lagarde ebnet Weg für Leitzinsanhebungen

Die EZB belässt die Leitzinsen vorerst unverändert, doch der Ton wird deutlich straffer. EZB‑Präsidentin Christine Lagarde signalisiert eine baldige Zinsanhebung und rückt steigende Inflationsrisiken stärker in den Fokus.

Die Notenbankpräsidentin kommt schnell auf den Punkt

Im Vorfeld der jüngsten Notenbanksitzung hatten zahlreiche Währungshüter deutlich gemacht, dass die EZB erst einmal abwartend auf den Ölpreisschock reagiert. Es war daher keine Überraschung, dass die Leitzinsen unverändert belassen wurden. Mit großer Spannung waren jedoch Hinweise auf den künftigen Leitzinspfad erwartet worden.

Im Statement finden sich in dieser Hinsicht nur wenige Fingerzeige. Es gibt sich vielmehr sehr ausgewogen. Sowohl die Inflations- als auch die Wachstumsrisiken hätten zuletzt zugenommen. In einem Fall würden klar die Aufwärts- im anderen Fall die Abwärtsrisiken dominieren. Ansonsten findet sich viel Bekanntes. Die Wirtschaft hätte sich im Vorfeld des Angebotsschocks sehr resilient gezeigt. Es müssten nunmehr Ausmaß und Intensität des Schocks sehr genau ausgewertet werden.

Anders als das offizielle Statement kam EZB-Präsidentin Lagarde dann aber recht schnell zur Sache und machte klar, dass die Notenbank nicht weit von einer Zinsanhebung entfernt ist. Bereits im Rahmen der laufenden Sitzung sei über geldpolitische Straffungen diskutiert worden. Die Währungshüter seien aber zum Schluss gekommen, dass die kommenden sechs Wochen bis zur nächsten Sitzung noch genutzt werden sollten, um weitere Informationen zu sammeln. Insbesondere werde man das Aufkommen von Zweitrundeneffekten genau beobachten.

Wenig Zweifel hat Lagarde daran, dass man sich bereits weg vom EZB-Basisszenario und auf das ungünstige Szenario zubewege – sprich in Richtung noch höherer Inflationsraten. Insgesamt hatte man den Eindruck, dass die EZB-Präsidentin eine Leitzinsanhebung im Juni vorbereitet. Aus ihrer Sicht sei die Wirtschaft weit von einer Stagnation oder Rezession entfernt. Eine leichte Straffung – so die Suggestion – scheint daher verkraftbar. Als weiteren Hinweis in diese Richtung kann man die Bemerkung verstehen, die Märkte hätten die Reaktionsfunktion der EZB gut verstanden. Damit segnete sie indirekt die drei an den Geldterminmärkten für dieses Jahr eingepreisten Leitzinsanhebungen ab.

Alles in allem schlug Lagarde einen eher hawkishen Ton an, auch wenn die Notenbankpräsidentin stets betonte, es sei noch nichts entschieden; der EZB-Rat verfolge einen Meeting-by-Meeting-Ansatz, d.h. die Lage werde im Rahmen jeder Sitzung neu bewertet.

Flacher Leitzinserhöhungspfad wahrscheinlich

Die jüngsten Äußerungen von Lagarde unterstreichen, dass Leitzinsanhebungen in diesem Jahr sehr wahrscheinlich sind. Das entspricht auch unseren Erwartungen und dem von uns skizzierten makroökonomischen Umfeld. Für die präzise Abschätzung des Leitzinspfads muss allerdings nach wie vor in Szenarien gedacht werden. Sollte der Konflikt noch im Mai gelöst werden, was unserem Basisszenario entspricht, wird die Konjunktur nach einem Durchhänger im laufenden Quartal recht schnell wieder Tritt fassen.

Abb.: Auch der nachfrageseitige Inflationsdruck dürfte zunehmen

Quellen: Eurostat, S&P Global, Bantleon

Dass in dieser Hinsicht bereits eine positive Entwicklung in Gang gekommen ist, spiegelt sich unter anderem im Einkaufsmanagerindex der Industrie der Eurozone wider. Er startete Ende 2024 noch in tief kontraktivem Bereich (45 Punkte) und liegt mittlerweile erkennbar über der Expansionsschwelle (52,2 Punkte). Im Falle einer Beendigung der Nahostkrise dürfte er weiteren Aufwind erfahren und in Bereiche vorstoßen, die normalerweise mit erkennbarem Inflationsdruck verbunden sind (vgl. Abbildung). Zu dem aktuell bereits bestehenden angebotsseitigen Preisdruck würde zusätzlicher nachfrageseitiger hinzutreten.

Natürlich stellt der aller Voraussicht nach wieder sinkende Ölpreis ein Gegengewicht dar – er dürfte aber nicht auf das Ausgangsniveau zurückfallen. Die Unternehmen befinden sich dann auf jeden Fall in einer guten Position, um den gestiegenen Kostendruck weiterzugeben. In einem solchen Umfeld wird die EZB um eine restriktivere Geldpolitik nicht umhinkommen. Zu diesem Schluss dürften die Währungshüter dann auch im Juni kommen. Wir rechnen überdies im September mit einem weiteren Schritt und wollen für 2027 zusätzliche Straffungen nicht ausschließen.

Können sich die Konfliktparteien indes nicht einigen und kommt es zu einer weiteren Eskalation (schwere Bombardements im Iran und in der Golfregion), wird der Ölpreis einen nochmaligen Schub erfahren. Dann sind Versorgungsengpässe nicht mehr abwendbar und die Lieferengpässe drohen sich auszuweiten. Die Inflation der Eurozone dürfte in diesem Zuge über 4% schießen. Gleichzeitig werden aber auch die Rezessionsrisiken zunehmen. Die EZB würde mit Leitzinsanhebungen zusätzliches Öl ins Feuer gießen. Entgegen der Intuition sind gerade im ungünstigen Szenario daher geldpolitische Straffungen keine ausgemachte Sache.  

 

Rechtlicher Hinweis

Die in diesem Beitrag gegebenen Informationen, Kommentare und Analysen dienen nur zu Informationszwecken und stellen weder eine Anlageberatung noch eine Empfehlung oder Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Anlageinstrumenten dar. Die hier dargestellten Informationen stützen sich auf Berichte und Auswertungen öffentlich zugänglicher Quellen. Obwohl die Bantleon AG der Auffassung ist, dass die Angaben auf verlässlichen Quellen beruhen, kann sie für die Qualität, Richtigkeit, Aktualität oder Vollständigkeit der Angaben keine Gewährleistung übernehmen. Eine Haftung für Schäden irgendwelcher Art, die sich aus der Nutzung dieser Angaben ergeben, wird ausgeschlossen. Die Wertentwicklung der Vergangenheit lässt keine Rückschlüsse auf die künftige Wertentwicklung zu.

nach oben