Auf 24 bis 29 Basispunkte ist der Renditeaufschlag deutscher Pfandbriefe gegenüber deutschen Bundesanleihen zusammengeschmolzen: bei kurzen Laufzeiten auf rund 24, bei 10-jährigen auf knapp 29 Basispunkte. So eng war dieser G-Spread, gemessen als Pfandbrief gegen Bund gleicher Restlaufzeit im liquiden Benchmark-Segment, zuletzt auf dem Höhepunkt der Corona-Pandemie. Der 10-Jahres-Durchschnitt liegt bei knapp 50 Basispunkten; der Spread verharrt derzeit also bei rund der Hälfte seines langjährigen Wertes. Die gängige Erklärung dafür verweist auf die Inversion des Bund-Swap-Spreads, die den Bewertungsanker des Covered-Bond-Marktes verschoben habe. Doch sie trägt nicht, jedenfalls nicht im aktuellen Umfeld.
Denn der Bund-Swap-Spread hat sich zuletzt kaum bewegt. Im März weitete er sich leicht aus, seither steht er still. Auch ein ausgeprägter Flight to Quality, der den Covered-Bond-Markt aufgrund seiner geringeren Liquidität stärker belasten würde, bleibt aus. Dass sich also der Spread zwischen deutschen Staatsanleihen auf der einen und deutschen Pfandbriefen auf der anderen Seite eingeengt hat, liegt an der Bewegung bei den Staatsanleihen und ist insbesondere auf die zurückliegenden Entwicklungen bei Inflations- und Zinserwartungen zurückzuführen.
Erhöhungspfad der EZB wieder eingepreist
Der Konflikt im Nahen Osten hatte die Inflationserwartungen zunächst kräftig nach oben getrieben, getragen von den Energiepreisrisiken rund um die Straße von Hormus. Das Nadelöhr ist zwar mittlerweile wieder passierbar, bleibt aber ein verwundbarer Engpass, dessen Risikoprämie im Markt präsent bleibt. Als die Energiepreise mit Beginn der Blockade der Straße von Hormus rasant stiegen, preiste der Markt prompt wieder einen Erhöhungspfad der EZB sein. Die erste Anhebung um 25 Basispunkte hat stattgefunden; ein zweiter und womöglich dritter Schritt bis zum Jahresende bleiben eingepreist, selbst wenn der Inflationsdruck mit der wieder geöffneten Meerenge und sinkenden Energiepreisen nachlässt.
Diese Sequenz lässt sich an der Bund-Kurve ablesen. Auf dem Höhepunkt der Eskalation kletterte die Rendite der 10-jährigen Bundesanleihe in Richtung 3,20%, am kräftigsten zog es das kurze Ende nach oben, sodass die Kurve in der Konsequenz verflachte. Mit der Entspannung kam das lange Ende zurück: Heute rentiert die 10-jährige Bundesanleihe bei 2,85%, die 2-jährige bei 2,53%. Rund 35 Basispunkte ihres Konflikt-Anstiegs hat die zehnjährige Rendite damit binnen Wochen abgegeben. Genau dieses Hin und Zurück belegt, was eine reine Spread-Betrachtung verdeckt: Die Verzerrung stammt von der Renditeseite der Staatsanleihen und sie ist temporär, nicht strukturell bedingt.
Das strukturelle Argument liegt tiefer: in der Regulierung. Gegenüber dem Pfandbrief genießt die Staatsanleihe zwei handfeste Vorteile. Für gedeckte Titel höchster Bonität schreibt die EU-Regulatorik ein Risikogewicht von 10% vor, für Staatsanleihen der EU-Länder eines von 0%. Hinzu kommt die günstigere Anrechnung der Staatsanleihe in der LCR-Steuerung und unter Solvency II. Ein Renditeaufschlag des Pfandbriefs gegenüber der Bundesanleihe ist deshalb regulatorisch gerechtfertigt: Bei 24 bis 29 Basispunkten lotet der Markt aus, wie weit er diesen regulatorisch begründeten Aufschlag unterschreiten kann, ehe die Kompression an ihre Grenze stößt. In einem Umfeld, in dem Bunds durch höhere Inflations- und Zinserwartungen belastet werden, Covered Bonds aber weiterhin von hoher technischer Nachfrage, begrenztem Nettoangebot und ihrem Sicherheitsstatus profitieren, kann der G-Spread auch ohne neue Swap-Spread-Bewegung weiter schrumpfen.
Hohe Staatsrisiken machen Covered Bonds relativ teuer
Dass die Bewertungslogik der neuen Marktrealität Rechnung inzwischen trägt, zeigt ein Blick über die Grenze. Italienische Covered Bonds handeln am langen Ende seit einigen Jahren innerhalb der italienischen Staatsanleihenkurve, also mit einem Abschlag. Im jüngsten Renditeanstieg notierten 5-jährige italienische Covered Bonds vorübergehend sogar wieder innerhalb der BTP-Kurve – zum ersten Mal seit über einem Jahr. Für französische Covered Bonds gilt seit den unklaren politischen Mehrheitsverhältnissen und dem ungelösten Haushaltsdefizit dasselbe Muster. Wo das Staatsrisiko steigt, kehrt sich das Verhältnis um: Der gedeckte Titel kostet mehr als die Anleihe des eigenen Staates.
Deutschland hat diesen Punkt noch nicht erreicht, doch der Abstand schrumpft. Genau hier liegt das eigentliche Spannungsfeld. Auf der einen Seite setzt die regulatorische Schlechterstellung des Pfandbriefs gegenüber der Bundesanleihe einem weiteren Einengungspotenzial Grenzen: Eigenkapitalunterlegung, LCR-Behandlung und Solvency-II-Anrechnung sprechen dafür, dass ein positiver Aufschlag gegenüber Bunds ökonomisch gerechtfertigt bleibt. Auf der anderen Seite arbeitet die deutsche Verschuldungsdynamik in die entgegengesetzte Richtung. Je stärker die fiskalische Sonderstellung der Bundesanleihe infrage gestellt wird, desto eher verliert die Bundesanleihe einen Teil ihrer relativen Knappheits- und Bonitätsprämie. In diesem Fall müsste nicht der Pfandbrief teurer werden, damit sich der Spread weiter einengt; es würde genügen, dass die Bundesanleihe relativ billiger wird. Eine moderate weitere Kompression der aktuellen G-Spreads ist deshalb durchaus möglich – allerdings nicht als freie Bewertungsausdehnung, sondern als Bewegung innerhalb eines zunehmend engen, regulatorisch begrenzten Korridors.
Wie eng der Aufschlag wirklich ist, hängt davon ab, was man misst, und hier irrt der Markt regelmäßig. Wer einen Covered-Bond-Index gegen die 10-jährige Bundesanleihe hält, sieht den Indexertrag sogar unter der Bundesanleihen-Rendite liegen und schließt voreilig auf einen Abschlag. Doch ein solcher Index bündelt Laufzeiten im Bereich von vier bis fünf Jahren; sein niedrigerer Ertrag ist ein Kurveneffekt, kein Spread. Die breit gefasste Pfandbriefkurve wiederum, die auch kleine und ältere Emissionen einschließt, weist am zehnjährigen Punkt rund 50 Basispunkte aus. Erst der laufzeitgleiche Vergleich, wie Pfandbrief gegen Bundesanleihe derselben Restlaufzeit, ergibt die belastbare Zahl: knapp 30 Basispunkte am langen, gut 20 am kurzen Ende. Drei Messungen, drei Ergebnisse – ökonomisch sinnvoll ist nur eine.
Regulierung begrenzt das weitere Einengungspotenzial
Damit verschiebt sich die eigentliche Arbeit im Covered-Bond-Portfolio von der Beta- zur Benchmark-Frage. Solange der Pfandbrief mit komfortablem Abstand oberhalb der Bundesanleihe rentierte, war die Wahl der Bewertungsachse – gegen Swap oder gegen die Bundesanleihe – nachrangig. Nahe dem regulatorischen Fundament wird sie zur zentralen Performancefrage. Wer Pfandbriefe weiterhin allein an der Swap-Kurve misst, übersieht, dass die Bundesanleihe selbst auf Asset-Swap-Basis günstig geworden ist – und unterschätzt damit das Ausweitungsrisiko des gedeckten Titels, dessen Maß die Lücke zwischen dem heutigen Aufschlag und seinem fundamental gerechtfertigten Niveau ist. Aus unserer Sicht zählt deshalb nicht die Schlagzeile von der Swap-Spread-Inversion, sondern die Abwägung zweier Kräfte: Die Regulierung rechtfertigt weiterhin einen positiven Pfandbriefaufschlag gegenüber Bunds und begrenzt damit das weitere Einengungspotenzial. Die Verschuldungsentwicklung Deutschlands spricht jedoch dafür, dass Bundesanleihen ihre Bewertungsprämie gegenüber Covered Bonds künftig verlieren können. Die aktuellen Spreads nahe 30 Basispunkten markieren damit noch keinen harten Boden, wohl aber einen Bereich, in dem zusätzliche Kompression zunehmend weniger durch Pfandbrief-Stärke und immer stärker durch eine Neubewertung des deutschen Staatsrisikos erklärt werden müsste.
