EZB: Neigung zu Leitzinsanhebungen schimmert durch

Die EZB lässt die Zinsen vorerst unverändert, doch der jüngste Ölpreisschock hat ihre Inflationsprognosen deutlich nach oben getrieben. Trotz einer aktuellen Teuerung von nur 1,9% rechnet die Notenbank für 2026 im Mittel mit 2,6% – in Risikoszenarien geht sie sogar von einem temporären Anstieg auf bis zu 6,0% aus. Die neuen Projektionen zeigen: Die Inflationsgefahren sind größer als bisher angenommen. Entsprechend liess EZB-Präsidentin Christine Lagarde keine Zweifel daran, dass die Währungshüter notfalls die Geldpolitik in den nächsten Monaten straffen werden.

Inflationsprognosen deutlich angehoben

Erwartungsgemäß hat die EZB im Rahmen der gestrigen Notenbanksitzung in der Zinspolitik (noch) stillgehalten. Im Vordergrund standen stattdessen die neuen Makroprojektionen, in die – anders als sonst üblich – die Informationen (zu Rohöl, Zinsen, Wechselkursen) bis kurz vor dem EZB-Treffen eingeflossen sind. Mit anderen Worten: Der jüngste Ölpreisschock ist darin berücksichtigt. Entsprechend deutlich fielen die Revisionen insbesondere bei der Inflation aus (vgl. Tabelle am Ende). Obwohl die Teuerungsrate derzeit nur bei 1,9% liegt, wird nunmehr für 2026 im Mittel ein Niveau von 2,6% unterstellt. Und dies ist lediglich das EZB-Basisszenario. Die Notenbank spielt daneben auch noch zwei Risikoszenarien durch, die einen stärkeren Ölpreisschock unterstellen, der die Inflation auf bis zu 6,0% treibt. Wir gehen in unserem Basisszenario von einer durchschnittlichen Teuerungsrate von 2,5% aus und liegen damit dicht bei der EZB (vgl. Tabelle).

Mindestens so bemerkenswert ist, dass die Währungshüter bereits im jetzigen Stadium von erkennbaren Zweitrundeneffekten ausgehen. Dies spiegelt sich in der Prognose der Kerninflation wider, die über den gesamten Prognosehorizont moderat angehoben wurde. Für 2028 geht die EZB von einer Teuerungsrate von 2,1% aus und rechnet damit auch noch in knapp drei Jahren mit einer leichten Zielüberschreitung.

Wenig verwunderlich ist, dass die Notenbank auch beim Wachstumsausblick vorsichtiger geworden ist. Dies trifft vor allem auf das laufende Jahr zu, für das mittlerweile ein Wert von unter 1,0% prognostiziert wird. Neben dem Ölpreisschock dürfte hier aber auch die Abwärtskorrektur des BIP-Wachstums im 4. Quartal 2025 (von 0,3% auf 0,2%) eine Rolle gespielt haben. Letztere ging von Irland aus. Wir sind im Vergleich zur EZB beim Konjunkturausblick deutlich optimistischer.

Mögliche Zweitrundeneffekte stehen im Fokus

Die EZB betont, dass sowohl die Inflationsrisiken (nach oben) als auch die Wachstumsrisiken (nach unten) durch die Nahostkrise zugenommen hätten. Eine Gewichtung, welcher Risikofaktor größer ist, wollte EZB-Präsidentin Christine Lagarde im Rahmen der Pressekonferenz allerdings nicht vornehmen. Die Prognosen legen indes nahe, dass die Notenbanker sich stärker auf die Inflationsrisiken fokussieren. Dies wurde auch bei den Ausführungen von Lagarde deutlich. Hier standen mögliche Zweitrundeneffekte für die Inflation klar im Vordergrund. Um diese so frühzeitig wie möglich zu erkennen, werde man in den nächsten Wochen vor allem die Rohstoffpreise, die Verkaufspreiserwartungen der Unternehmen und mögliche Flaschenhälse in den Lieferketten genau beobachten.

Wie die Währungshüter auf die Risiken reagieren werden und ob unter Umständen bereits Zinserhöhungen in Vorbereitung sind, dazu wollte Lagarde nichts sagen. In ihren Ausführungen schimmerte jedoch ganz eindeutig eine Neigung zu Leitzinsanhebungen durch. Dies legt zum einen ihr Verweis auf die Beobachtung von Zweitrundeneffekten nahe. Darüber hinaus wurde immer wieder auf die Erfahrungen von 2021/2022 Bezug genommen, als die EZB mit einem deutlich stärkeren Angebotsschock zu kämpfen hatte und im Endeffekt zu spät auf die Inflationsrisiken reagierte. Lagarde betonte, dass dieses Mal die Ausgangslage günstiger sei. Unter anderem bewege sich das Zinsniveau bereits auf einem neutralen Niveau. Außerdem sei man beim Instrumentarium und der Analyse besser vorbereitet als vor vier Jahren.

Mit all diesen Aussagen lieferte Lagarde mehrfach indirekt den Hinweis, dass die EZB darauf vorbereitet ist, die Geldpolitik notfalls zu straffen. Von Zinssenkungen, um gegebenenfalls auf die zunehmenden Wachstumsrisiken oder gar Rezessionsgefahren zu reagieren, war dagegen keine Rede.

Steigende Leitzinsen über die nächsten zwölf Monate wahrscheinlich

Alles in allem hat die EZB bekräftigt, dass sie zum Handeln bereitsteht. Damit hat sie den aktuellen Markterwartungen nicht widersprochen. An den Geldterminmärkten sind bis zum Jahresende 2026 mittlerweile zwei volle Leitzinsanhebungen um 25 Basispunkte eingepreist. Wir haben bereits seit Längerem darauf hingewiesen, dass spätestens ab dem Frühjahr 2026 Zinssenkungen vom Tisch sind und stattdessen geldpolitische Straffungen in den Vordergrund rücken. Basis dafür war indes unser optimistischer Konjunkturausblick. Diesen behalten wir weiter bei – unter der Voraussetzung, dass unser Basisszenario eintritt, wonach der Nahostkonflikt im April merklich abebbt. Danach dürfte wieder das positive Wachstumsmomentum zum Tragen kommen. Der Ölpreis sollte dann zwar zurückgehen. Die erhöhten Teuerungsraten im Frühjahr werden jedoch die latenten Inflationsgefahren zusätzlich befeuern. Wir rechnen daher im 2. Halbjahr 2026 ebenfalls mit mindestens einer Leitzinsanhebung um 25 Basispunkte. Sollte die Konjunktur über das Jahresende 2026 positiv bleiben, sind überdies 2027 weitere monetäre Straffungen wahrscheinlich. In Anbetracht dessen halten wir auch an unserer Prognose fest, dass die 10-jährigen Bundrenditen im laufenden Jahr noch über 3,0 % ansteigen werden.

Makro-Projektionen der EZB (März 2026)

Quellen: EZB, Bantleon; * Jahresdurchschnitt, in Klammern Dezember Prognosen

 

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