Neue, datengetriebene Ansätze zur Einordnung geldpolitischer Positionierungen erschließen dabei bislang kaum nutzbare Informationsdimensionen, eröffnen so grundsätzlich neue Möglichkeiten für die volkswirtschaftliche und Portfolioanalyse sowie Zinsprognosen. Bislang beruhte die Einordnung von Zentralbankern entlang der Falken-Tauben-Dimension überwiegend auf qualitativen Einschätzungen. Mit aktuellen Modellen des ZEW[1] und zuletzt auch der Bundesbank (MILA)[1] wird dieser Ansatz erstmals systematischer und reproduzierbarer gefasst – wenn auch mit unterschiedlichen Zielsetzungen.
Geldpolitische Kommunikation eignet sich grundsätzlich gut für eine LLM-basierte Klassifikation. Der Sprachgebrauch ist über lange Zeiträume stabil und institutionell geprägt. Formulierungen wie »data dependent« oder »we stand ready to adjust« haben eine klar definierte Bedeutung. Das erleichtert die Einordnung deutlich im Vergleich zur Unternehmenskommunikation (z. B. Earning Calls), die häufig strategisch mehrdeutig ist.
Der zentrale Fortschritt gegenüber früheren Modellen ist die bessere Kontextverarbeitung. Aussagen werden nicht mehr isoliert bewertet, sondern im makroökonomischen Umfeld interpretiert. Konkret nutzen Modelle wie MILA mehrstufige Verfahren: Zunächst wird der thematische Kontext einer Aussage (z. B. Inflation, Wachstum oder Finanzstabilität) identifiziert. Anschließend erfolgt die eigentliche Klassifikation der geldpolitischen Stoßrichtung unter Berücksichtigung dieses Kontextes. Eine Aussage zur Inflation wird damit anders gewichtet als eine zur Konjunktur.
Das Ergebnis ist kein diskretes Urteil (Falke oder Taube), sondern in der Regel ein kontinuierlicher Score – etwa ein Hawkishness-Index –, der jede Aussage auf einer Skala abbildet. Durch Aggregation über Reden, Zeiträume oder Sprecher hinweg entstehen daraus Zeitreihen, die sich wie klassische Makroindikatoren interpretieren lassen und Veränderungen in der geldpolitischen Kommunikation sichtbar machen.
Damit werden typische Schwächen klassischer Lexikonansätze – etwa Fehlklassifikationen durch Negationen oder Inter-Rater-Abweichungen – weitgehend vermieden. Gleichzeitig entstehen erstmals Zeitreihen geldpolitischer Kommunikation, die sich ähnlich wie bekannte Konjunkturindikatoren (z. B. KOF-Indikator) auswerten lassen.
Von Einzelstatements zur Zeitreihe: Was die Daten zeigen können
Die resultierenden Indikatoren lassen sich auf unterschiedlichen Aggregationsebenen darstellen:
- satzbasiert (hochfrequente Reaktionen auf einzelne Reden),
- sprecherbasiert (Vergleich von Notenbankern),
- oder aggregiert auf Institutionsebene (EZB-Tonlage).
Über die Zeit hinweg entstehen so Kommunikationsverläufe, die Wendepunkte oft früher anzeigen als klassische makroökonomische Daten. Veränderungen in der Tonalität – etwa eine schrittweise Verschiebung von neutral zu hawkish – können dabei als Frühindikator für geldpolitische Regimewechsel interpretiert werden.
Ein zusätzlicher Erkenntnisgewinn liegt in der Trennung von inhaltlicher Position (Falke/Taube) und Tonalität (z. B. Zuversicht vs. Risikoaversion). Gerade diese zweite Dimension wird von MILA explizit erfasst und erlaubt Rückschlüsse auf Unsicherheitsregime oder Kommunikationsstrategien.
Regimewechsel in der Kommunikation – unabhängig von der Präsidentschaft
Interessant ist dabei, dass sich solche Regime nicht nur durch Personalwechsel erklären lassen. Auch innerhalb einer Präsidentschaft lassen sich Phasen identifizieren, in denen sich die Kommunikationsstrategie systematisch verändert – etwa von klarer Forward Guidance hin zu stärkerer Datenabhängigkeit.
Eine solche Regimeanalyse könnte beispielsweise drei Zustände unterscheiden:
- Hawkish-Regime (restriktiver Bias, Inflationsfokus),
- Neutral-Regime (ausgewogene Risikobetrachtung),
- Dovish-Regime (Wachstums- und Stabilitätsfokus).
Diese Einteilung eröffnet zusätzliche Anwendungsmöglichkeiten für Investoren, etwa bei der Bewertung von Durationsrisiken oder der Positionierung entlang der Zinskurve.
Grenzen bestehen jedoch weiterhin bei der Interpretation impliziter Signale oder strategischer Nuancen, die sich nur aus längerer Beobachtung der EZB-Kommunikation erschließen. Für die praktische Anwendung von LLM-Modellen zur Zinsprognose bedeutet das: Die Modelle liefern eine zusätzliche Perspektive – sie ersetzen jedoch nicht die makroökonomische Einordnung durch erfahrene Volkswirte.
Die Methodiken des ZEW und der Bundesbank adressieren unterschiedliche Fragestellungen: MILA liefert eine hochfrequente, satzbasierte Einordnung der laufenden Kommunikation, während der ZEW-Ansatz die geldpolitische Positionierung der Kandidaten über die Zeit vergleicht. Gerade diese Kombination bietet einen Mehrwert für Investoren, da sie sowohl aktuelle Signale als auch strukturelle Präferenzen sichtbar macht.
Für Bantleon spielen die neuen Ansätze nicht nur in Bezug auf die nahende Neubesetzung der EZB-Präsidentschaft eine Rolle: eröffnen sie doch die Möglichkeit bisher unberücksichtigte Daten sprachlicher Natur in Echtzeit verarbeiten zu können – und vor allem von weitaus mehr verschiedenen Notenbankern als bisher. So könnten beispielsweise frühzeitig drehende Signale bei einzelnen Notenbanken in den Reden und Publikationen erkannt werden, bevor diese auf aggregierter Ebene (EZB) ankommen.
Portfolioimplikationen: Mögliche Szenarien für das Anleihenmanagement
Die Frage, welche Kandidatin oder welcher Kandidat die EZB ab 2027 führt, ist bereits heute für mittlere und lange Laufzeiten relevant. Dies aber nicht, weil der Zinspfad bis dahin fixiert wäre, sondern weil die Nachfolge die strukturelle Reaktionsfunktion der EZB neu kalibrieren könnte. Aus Portfoliosicht lassen sich aus den ZEW-Ergebnissen drei Szenarien ableiten, die unterschiedliche Implikationen für Duration, Kurvenform und Peripherie haben.

Quelle: eigene Darstellung auf Basis von Heinemann, F. und Kemper, J. (2026): »Falke oder Taube in der Nachfolge von Christine Lagarde an der EZB-Spitze?« ZEW Policy Brief Nr. 05, März 2026;
Die Nachfolgediskussion sollte zudem als ein Faktor unter mehreren in die Szenario-Gewichtung bei mittleren und langen Laufzeiten einfließen. Solange die Kandidatenfrage offen ist, ließe sich für eine erhöhte Laufzeitdiversifikation im Bereich 5 – 10 Jahre argumentieren, also eine bewusste Reduktion der Konvexitätswette in eine Richtung. Peripherie-Allokationen, insbesondere in BTPs und spanischen Bonos, könnten durch das Schnabel-Szenario stärker belastet werden als durch die anderen drei. Wer heute langfristige Zinsrisikopositionen aufbaut, wettet implizit auf die Kontinuität des Lagarde-Kurses und sollte diese Annahme explizit machen.
Hinzu kommt ein zweiter Effekt, der oft unterschätzt wird: Nicht nur die geldpolitische Positionierung des Präsidenten/der Präsidentin, sondern auch sein/ihr Kommunikationsstil beeinflusst die Marktzinsen. MILAs Sentiment-Dimension (positiv, neutral, negativ) erfasst, wie zuversichtlich oder besorgt der Tonfall einer Pressekonferenz ist – unabhängig von der konkreten Zinsentscheidung. Eine Präsidentin Schnabel, bekannt für präzise und wenig interpretationsfähige Formulierungen, würde wahrscheinlich die implizite Optionalität in EZB-Aussagen reduzieren, mit der Folge, dass die Märkte weniger Kompressionsaufschlag für eine uneindeutige Forward Guidance einpreisen würden. Das ist ein Effekt, der sich mitunter in Durations-Prämien niederschlägt, aber in klassischen Makromodellen kaum auftaucht.
[1] Im weiteren Verlauf Bezug auf die folgenden Studien:
Heinemann, F. und Kemper, J. (2026): »Falke oder Taube in der Nachfolge von Christine Lagarde an der EZB-Spitze?« ZEW Policy Brief Nr. 05, März 2026;
Geiger, F., Kanelis, D., Lieberknecht, P. und Sola, D. (2025): »Monetary-Intelligent Language Agent (MILA).« Deutsche Bundesbank Technical Paper 01/2025.
