EZB im Wartemodus – Lagarde falkenhaft

Die EZB sieht sich derzeit in einer guten Position, in der Zinspolitik erst einmal die Füße stillzuhalten. Die Wirtschaft der Eurozone habe sich zuletzt resilienter gezeigt als gedacht. Konkrete Hinweise auf eine weitere geldpolitische Lockerung vermied Notenbankpräsidentin Christinne Lagarde. Unter anderem spielte sie die Möglichkeit eines Unterschießens des Inflationsziels herunter. Darüber hinaus war auch von einer Neubewertung der Lage im September keine Rede. Insgesamt hat die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Zinssenkung in diesem Jahr abgenommen, was dem von uns bereits seit langem formulierten Basisszenario entspricht.

EZB gibt sich beim Makro-Ausblick gelassen

Die EZB hat erwartungsgemäß im Rahmen der Juli-Notenbanksitzung eine Zinspause eingelegt. Das Interesse war von vornherein darauf ausgerichtet, ob die Währungshüter bei der Einschätzung des Makro-Umfelds oder beim Zinsausblick eine Anpassung vornehmen würden. Dies war jedoch nicht der Fall. Notenbankpräsidentin Christine Lagarde betonte stattdessen die abwartende Haltung des EZB-Rats und schlug insgesamt einen eher falkenhaften Ton an.

So zeigten sich die Währungshüter von den jüngsten Trump’schen Zolldrohungen (30% Strafzoll gegenüber der EU) nicht allzu sehr beunruhigt. Lagarde führte vielmehr aus, die Notenbank halte am Juni-Basisszenario fest, das in diesem Jahr moderates Wachstum und keinen Exporteinbruch unterstellt. Insgesamt seien die jüngsten Daten eher besser ausgefallen als erwartet. Die Wirtschaft der Eurozone zeige sich mithin vergleichsweise resilient gegenüber den globalen Störfaktoren.

Im Hinblick auf die Inflation befindet sich die EZB in den Augen von Lagarde inzwischen in einer sehr komfortablen Position. Es spreche viel dafür, dass das Inflationsziel von 2% mittelfristig, d.h., über die nächsten zwei bis drei Jahre eingehalten wird. 2026 sei zwar ein temporäres Unterschießen des Inflationsziels sehr wahrscheinlich. Dies hält Lagarde – nach den Jahren des Überschiessens – jedoch für unproblematisch. Auf die Frage, ob eine weitere Euro-Aufwertung den Disinflationsdruck übermässig beschleunigen würde, wollte die Notenbankpräsidentin nicht eingehen. Die Währungshüter unterliessen es schließlich auch, im Rahmen des Notenbank-Statements (zum Zinsentscheid) speziell auf das Übergewicht der Abwärtsrisiken bei der Inflation hinzuweisen.

Kein »Bias« beim Zinsausblick

Insgesamt besteht der Eindruck, dass sich die EZB derzeit nahe einem makroökonomischen Gleichgewicht sieht – die Wirtschaft wächst solide und die Inflation bewegt sich im Zielbereich. Lagarde unterstrich daher mehrfach, die Notenbank sei in einer guten Position, erst einmal abzuwarten und die Entwicklung der aktuellen Risikofaktoren (z.B. Handelskonflikt) in Ruhe auszuwerten. Entsprechend verschlossen gab sich die Notenbankpräsidentin beim künftigen Zinsausblick.

Eine Neigung zu einer weiteren Leitzinssenkung ließ sich jedenfalls aus Lagardes Äußerungen nicht entnehmen. Mithin ließ sie jede Gelegenheit verstreichen, um einen solchen »Bias« kundzutun. So wäre es etwa möglich gewesen, für den Fall einer Eskalation im Handelsstreit, eine weitere geldpolitische Lockerung anzudeuten, was aber nicht geschah. Auch wurde nicht betont, dass mit den anstehenden Makro-Projektionen im September die Karten neu gemischt werden.

Wahrscheinlichkeit für eine weitere Zinssenkung hat abgenommen

Alles in allem gibt es im EZB-Rat zwar aktuell durchaus die ein oder andere Stimme, die sich eine nochmalige geldpolitische Lockerung in diesem Jahr vorstellen kann. Die Mehrheit erachtet einen solchen Schritt jedoch offenbar nicht unbedingt für notwendig. Am deutlichsten brachte dies EZB-Direktorin
Isabel Schnabel auf den Punkt: »Die Hürde für eine weitere Leitzinssenkung ist sehr hoch«. Es bedarf also eines Auslösers, damit die Notenbanker nochmals zur Tat schreiten. Trotz aller Zurückhaltung von Lagarde könnte ein solcher Trigger eine weitere spürbare Aufwertung des Euros gegenüber dem US-Dollar (z.B. hervorgerufen durch schwache US-Konjunkturdaten) oder eine erneute Eskalation im Handelsstreit mit den USA sein. In den vergangenen Tagen mehrten sich indes die Hinweise, dass es am Ende doch zu einem Deal kommt, der auch für die EU erträgliche Konditionen beinhaltet.

Sollte das der Fall sein, würde sich die Lage entspannen und in der Folge die Wahrscheinlichkeit für einen zusätzlichen Zinsschritt erkennbar abnehmen. Schließich hat die konjunkturelle Erholung in der Eurozone – im Einklang mit der Einschätzung der EZB – zuletzt Tritt gefasst. Den jüngsten Beleg dafür lieferte die Juli-Einkaufsmanagerumfrage (vgl. unsere Analyse vom 24. Juli 2025). Demnach stieg der Composite-Einkaufsmanagerindex im laufenden Monat auf 51,0 Punkte – dem höchsten Stand in diesem Jahr. Wächst die Wirtschaft robust, gibt es keinen Grund für die EZB, mit der Geldpolitik in den expansiven Bereich vorzustoßen. Wir halten daher daran fest, dass eine Zinssenkung auf 1,75% zwar noch eine Außenseiterchance besitzt. In unserem Basisszenario gehen wir jedoch bis zum Jahresende von einem unveränderten Leitzins aus. Im nächsten Jahr könnten dann sogar die Diskussionen um eine erneute Straffung der Geldpolitik beginnen.

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