Konjunktur und Finanzmärkte

Dr. Daniel Hartmann
Chefvolkswirt 
Bantleon AG

Europa wittert Morgenluft

Europa hat im 1. Halbjahr 2026 besonders stark unter den kräftig steigenden Energiepreisen gelitten. Gleichzeitig profitierte der Alte Kontinent nur unterproportional vom KI-Boom. Mit dem überraschend schnellen Abebben des Ölpreisschocks könnte sich das Blatt jetzt rasch wenden. Bereits in den nächsten Wochen dürften die europäischen Stimmungsindikatoren deutlich nach oben drehen. Auch das jüngste Reformpaket der deutschen Bundesregierung unterstreicht, dass Europa sich seinem stetigen Bedeutungsverlust vehement entgegenstemmt. Die Aussichten für europäische Assets haben sich mithin aufgehellt.
 

In den vergangenen Tagen sind die Rahmenbedingungen für die Anleihenmärkte geradezu ideal gewesen. Erstens setzte sich der Abwärtstrend beim Ölpreis fort. Ein Barrel der Sorte Brent kostete zeitweise nur noch gut 70 US-Dollar – so billig war das Schwarze Gold letztmals Anfang Februar gewesen. Bei den Friedensverhandlungen zwischen den USA und Iran wurde zwar noch kein Durchbruch erzielt, immerhin reden aber beide Seiten miteinander. Darüber hinaus passieren wieder Schiffe die Straße von Hormus. Seit der Unterzeichnung des Memorandum of Understanding (17. Juni) waren es geschätzt über 200 – und weitere drängen durch das Nadelöhr. Aufgrund des plötzlich auf den Markt tretenden Ölangebots wird mittlerweile sogar mit einer baldigen Überversorgung gerechnet (Ketchupeffekt).

Zweitens nehmen als Folge der rückläufigen Ölpreise die Inflationsgefahren ab. In der Eurozone sank die Teuerungsrate im Juni laut erster Schätzung von Eurostat unerwartet deutlich von 3,2% auf 2,8% (Konsensus: 3,0%, Bantleon: 2,9%). Neben rückläufigen Benzinpreisen waren dafür auch die Nahrungsmittel- und Servicepreise verantwortlich. Jedenfalls zeichnet sich mittlerweile ab, dass sich die Inflation im 2. Halbjahr 2026 deutlich günstiger entwickelt als es die EZB in ihrer jüngsten Prognose unterstellt hat. Davon ermuntert bringen einige Tauben des EZB-Rats bereits ein Stillhalten in der Zinspolitik ins Spiel. An den Geldterminmärkten wird einer September-Leitzinsanhebung um 25 Basispunkte mittlerweile nur noch eine Chance von 50% eingeräumt – vor Kurzem waren es nahezu 100%.

EZB dürfte Inflationsschub überschätzt haben

Quellen: EZB, Eurostat, Bantleon | Stand: 6. Juli 2026

Drittens dämpften auch die neuen US-Arbeitsmarktdaten die Spekulationen auf steigende Leitzinsen. Das Bureau of Labor Statistics gab bekannt, dass im Juni nur 57.000 neue Stellen geschaffen wurden – deutlich weniger als in den Vormonaten und nur halb so viel wie vom Konsensus erwartet (113.000, Bantleon: 140.000). Am Bild eines robusten Arbeitsmarkts ändert sich dadurch zwar nichts. Im 3-Monats-Durchschnitt liegt das Stellenplus weiter bei über 100.000. Die Überhitzungsgefahr hat aber abgenommen. In der Folge schwindet auch der Druck auf die Fed, möglichst schnell die Leitzinsen anzuheben. Der neue Fed-Präsident Kevin Warsh beruhigte in dieser Hinsicht zusätzlich die Gemüter. Aus seiner Sicht sind die Inflationsgefahren zuletzt gesunken. Wie in der Eurozone ist daher auch in den USA eine Leitzinsanhebung um 25 Basispunkte im September nicht mehr voll eingepreist.

Angesichts all dieser Nachrichten und nachlassenden Zinserhöhungsspekulationen hätte bei Staatsanleihen ein kräftiger Renditerückgang auf der Hand gelegen. Dieser blieb aber aus. Lediglich am kurzen Ende der Kurve – und hier auch nur temporär in Europa – gaben die Renditen etwas nach. Am langen Ende zogen sie sogar an. Insgesamt versteilerte sich die Kurve (Bear Steepening) sowohl in den USA als auch in der Eurozone um 8 Basispunkte. Die Gründe dafür sind nicht offensichtlich. So könnte das Quartalsende einige Investoren dazu bewegt haben, Durationsrisiken abzubauen. Darauf lässt jedenfalls der Renditesprung vor dem Handelsschluss am 30. Juni schließen. Darüber hinaus wird als Belastungsfaktor die anhaltende Debatte um eine Reduzierung der Fed-Bilanz gesehen. Kevin Warshs Äußerungen wirken mithin gegenläufig – für das lange Ende sind sie belastend, für das kurze Ende beflügelnd.

Wann platzt die Tech-Blase?

Für die Aktienmärkte sind rückläufige Inflationsgefahren und abnehmende Zinserhöhungsspekulationen ein positiver Nährboden. Aber auch hier war das Bild geteilt. In den USA, wo die Handelswoche aufgrund des Independence Day verkürzt war, war die Angst vor einer Tech-Blase ein Gegengewicht. Der Philadelphia Semiconductor Index, der im 2. Quartal 2026 einen unglaublichen Höhenflug erlebt hatte (+88% im Vergleich zum 1. Quartal), musste diesem Tempo Anfang Juli Tribut zollen. Im Gegensatz dazu markierte der Dow-Jones-Index neue Rekorde. Insgesamt setzte sich die Rotation von hoch bewerteten Tech-Aktien in defensivere Titel des Konsum- und des Gesundheitssektors fort.

Davon profitierte nicht zuletzt Europa. Allen voran erfuhr der DAX kräftigen Aufwind. Nach monatelanger Underperformance überwand der deutsche Leitindex mit Schwung die 25.000-Punkte-Marke und brach damit aus der bestehenden Seitwärtsrange nach oben aus. Der Höhenflug fand erst bei 25.826 Punkten ein Ende. Mit einem Plus von 4,5% im Wochenvergleich ließ der DAX auch alle anderen europäischen Peers hinter sich. Ein wichtiger Mosaikstein war dabei das Reformprogramm der deutschen Bundesregierung für Aufschwung und Beschäftigung. Es dürfte zwar – vor allem in der Steuerpolitik – nicht der ganz große Wurf sein, entscheidend war jedoch, dass die Koalition Handlungsfähigkeit signalisiert hat.

DAX befreit sich aus Seitwärtsrange

Quellen: Bloomberg, Bantleon | Stand: 6. Juli 2026

Alles in allem sind die Aussicht auf eine weitgehende Wiedereröffnung der Straße von Hormus und der parallel fallende Ölpreis positive Signale für die Weltwirtschaft. Sowohl die Konsum- als auch die Investitionsnachfrage sollten davon einen Schub erfahren. Dies gilt allen voran für die Eurozone. Für die Währungsunion ist es auch positiv zu werten, dass der Druck auf die EZB abnimmt, abrupt die Leitzinsen anzuheben. Der Zinserhöhungszyklus dürfte vielmehr in gemäßigtem Tempo verlaufen.

Positiver Ausblick für Deutschland und Europa

Dass vor allem die europäischen Stimmungsindikatoren von der Entspannung im Nahen Osten profitieren werden, zeigte sich bereits in der Juni-Einkaufsmanagerumfrage. Schon in der ersten Schätzung, deren Erhebungszeitraum größtenteils vor dem 17. Juni lag, verzeichneten die Indikatoren leichte Verbesserungen. Mit der finalen Schätzung wurden die Werte nochmals deutlich nach oben korrigiert. Der deutsche Service-EMI wurde um nicht weniger als zwei Punkte angehoben (von 46,8 auf 48,8 nach 48,1 im Mai), wodurch sich der Monatsrückgang in ein Plus verwandelte. Dies schlug sich auch auf der Ebene der Eurozone nieder. Der Composite-EMI lag im Juni letztlich nicht bei 49,5, sondern bei 50,0 Punkten, ein spürbarer Anstieg gegenüber Mai (48,5 Punkte). Auch die Geschäftsaussichten drehten wieder nach oben. Dies dürfte aber erst der Beginn der Trendwende sein.

Der bevorstehende Hochlauf bei den deutschen Infrastruktur- und Militärausgaben sollte im Zusammenspiel mit den positiven Effekten aus dem Reformpaket der Bundesregierung in den nächsten Monaten nicht nur die Stimmungsindikatoren, sondern auch die realwirtschaftlichen Daten weiter beflügeln. Einen Vorboten sehen wir in den Auftragseingängen, die im Mai erneut ein deutliches Plus verzeichneten. Gerade in dieser Zeitreihe dürfte es im 2. Halbjahr 2026 aber noch weitere positive Überraschungen geben.

In Anbetracht dessen gehen wir davon aus, dass auch der DAX noch einen Jahresschlussspurt hinlegt und halten bis Ende 2026 einen Kursanstieg von 5% bis 10% für realistisch. Auch andere europäische Indizes sollten in dieser Größenordnung zulegen. Etwas zurückhaltender sind wir mit Blick auf die USA. Die Angst vor einem Rückschlag im Tech-Sektor dürfte hier weiter bremsen.

Keine Argumente für geldpolitische Lockerungen

Bei Staatsanleihen sorgt der rückläufige Ölpreis für Rückenwind. Die vergangene Woche hat indes einmal mehr gezeigt, dass dies nicht ausreicht, um die Kurse der sicheren Häfen nachhaltig zu stimulieren. Auf dem langen Ende der Kurve lasten zum einen die strukturellen Belastungsfaktoren (Staatsverschuldung). Zum anderen bleibt das Inflationsumfeld übergeordnet angespannt. Für geldpolitische Lockerungen gibt es daher nach wie vor keine Argumente. Vielmehr dürfte die bevorstehende konjunkturelle Belebung den Druck erhöhen, die Geldpolitik zu straffen. Wir rechnen daher bis Anfang des kommenden Jahres mit einem weiteren moderaten Renditeanstieg (40 bis 50 Basispunkte) bei den 10-jährigen Benchmarks der globalen Staatsanleihen (US-Treasuries, deutsche Bundesanleihen, britische Gilts, japanische JGBs).

In der laufenden Woche ist der Datenkalender sehr dünn. Die größte Aufmerksamkeit dürften die deutschen Aktivitätsdaten vom Mai auf sich ziehen. Sie stammen noch aus einer Phase, als der Ölpreisschock seinen Höhepunkt erreichte. Wir gehen davon aus, dass sie ein zwar durchwachsenes, aber dennoch leicht positives Bild liefern. Einen deutlichen Sprung nach oben sollten darüber hinaus die Sentix-Konjunkturerwartungen machen.

 

Allokationsmatrix

Stand: Juni 2026

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