Bantleon - Der Anleihemanager

Analyse

10. Juni 2011

Die EZB kündigt einen weiteren Leitzinsschritt an - mehr aber auch nicht

Im Rahmen der heutigen Notenbanksitzung hat die EZB erwartungsgemäss den Leitzins unverändert bei 1,25 % belassen, gleichzeitig jedoch eine Anhebung auf 1,50 % für Juli angekündigt. Sie griff dabei auf ihr gewohntes »Codewort« zurück: Im Hinblick auf Preisstabilität sei »höchste Wachsamkeit« erforderlich. Im Einzelnen äusserte sich Jean-Claude Trichet wie folgt:

Konjunktur: Die EZB hält an ihrer bisherigen Bewertung fest. Demnach ist das konjunkturelle Momentum weiter aufwärts gerichtet. Allerdings werde das Expansionstempo im 2. Quartal etwas geringer ausfallen als im durch Sonderfaktoren begünstigten 1. Vierteljahr. Der stabile Ausblick kommt auch in der jüngsten offiziellen Wachstumsprognose der Währungshüter zum Ausdruck, die sich im Vergleich zu März so gut wie nicht geändert hat (vgl. Tabelle).

Quelle: EZB, * Jahresdurchschnitt, Mittelwert, in Klammern Projektionen vom März 2011

Inflation: Wie bereits in den Vormonaten gestand die EZB ein, dass die Inflation kurzfristig deutlich über 2,0 % verharren werde. Entsprechend nahm die Notenbank bei der Inflationsprognose für das laufende Jahr eine Aufwärtskorrektur vor. Die eigentliche Überraschung stellte jedoch die – für die Geldpolitik relevantere – Projektion für das Jahr 2012 dar. Der Mittelwert wurde hier mit 1,7 % unverändert und damit zugleich vollkommen im Einklang mit dem Inflationsziel (»nahe, aber unter 2,0%«) belassen. Die Konsensusprognose liegt hingegen derzeit bei 1,9 % (Bantleon: 2,0 %). Ein klares Signal für weitere kräftige monetäre Straffungen lässt sich aus diesem Ausblick somit nicht ableiten. 

Liquidität: Für alle Offenmarktinstrumente (Wochentender, 1-Monats- sowie 3-Monats-Tender) wird die vollständige Zuteilung mindestens bis Anfang Oktober beibehalten. Jean-Claude Trichet unterstrich in diesem Zusammenhang nochmals die strikte Trennung zwischen Zins- und Liquiditätspolitik.

Leitzinspolitik: Der Notenbankpräsident wies klar darauf hin, dass sich die Notenbank im Modus der »höchsten Wachsamkeit« befinde und damit eine Leitzinserhöhung im Juli möglich sei (für die EZB eine sehr deutliche Form der Ankündigung einer Leitzinsanhebung). Er betonte jedoch zugleich, dass die Währungshüter damit keinerlei Signal für den zukünftigen Leitzinspfad geben wollten.

Griechenland: Jean-Claude Trichet wiederholt seine bekannte Position. Er lehnt jede Form einer Umstrukturierung oder eines Zahlungsausfalls der griechischen Staatsschulden ab. Lediglich ein freiwilliges »Roll-over« des privaten Sektors komme in Frage.

Alles in allem wies die Notenbanksitzung ungeachtet der (erwarteten) Ankündigung einer Leitzinsanhebung einen leicht »soften« Ton auf. Dazu beigetragen hat die anhaltend expansive Liquiditätspolitik, die moderate Inflationsprognose für das kommende Jahr sowie die demonstrative Zurückhaltung bei den Aussagen zur künftigen Leitzinspolitik.

Abb.: Das Fenster für Leitzinserhöhungen schliesst sich

Quellen: EZB, Deutsche Bundesbank, Banque de France, Bantleon

Wir gehen schon seit Monaten davon aus, dass die EZB keinen kontinuierlichen Leitzinserhöhungszyklus durchhalten wird, sondern spätestens ab dem 4. Quartal eine Pause einlegt. Im April/Mai haben alle wichtigen Konjunkturbarometer (mit Ausnahme der IFO-Lagekomponente) deutlich nach unten gedreht und damit das Signal einer konjunkturellen Verlangsamung gesendet. Das jüngste Beispiel dafür ist das Geschäftsklima der Banque de France, das im Mai zum zweiten Mal in Folge um drei Punkte gefallen ist (vgl. Abbildung).

Wir halten dennoch die Wahrscheinlichkeit für hoch, dass im September nochmals eine Refisatz-Erhöhung  erfolgt (auf dann 1,75 %). Voraussetzung dafür ist allerdings, dass es bei einem insgesamt flachen Abwärtstrend in den Konjunkturbarometern bleibt. Sollte etwa der Einkaufsmanagerindex der Industrie in den kommenden Monaten nochmals so stark fallen wie im Mai  (-3,4 Punkte), wäre dies der Vorbote für einen massiven Wachstumseinbruch. In diesem Fall bliebe es vorerst bei einem Leitzinsniveau von 1,50 %.

 
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